Elektronischer Nachzehrer

Der Bremer Weser-Report, das nach eigenen Angaben auflagenstärkste Anzeigenblatt in Bremen, hat im redaktionellen Teil in der heutigen Aufgabe mit einem Bericht über ein Kunstprojekt aufgemacht, für das der Bremer Kunststudent Dennis Siegel den Kunstpreis der Hochschule für Künste in Bremen bekommen hat.

Das Projekt heißt Electromagnetic Harvester, und es handelt sich dabei um ein Gerät, dass elektromagnetische Strahlung auffängt, und die Energie verwendet um einen Akku aufzuladen. Lauf Webseite will Siegel damit auf die allgegenwart elektrischer Systeme in unserer Gesellschaft hinweisen, und deren Bedeutung herausstellen. Für ein Kunstprojekt ist die wachsensde Technisierung unserer Welt und der Umgang damit, ein dankbares Thema.

Beim Weser-Report liest sich das aber ganz anders:

Während die Alchimisten des Mittelalters daran scheiterten, Dreck in Gold zu verwandeln, ist einem Bremer jetzt ein nicht minder spektakuläres Kunststück gelungen.: Er kann Akkus mit „Luft“ aufladen.

So heißt es im Anreißer zum Artikel. Desweitern ist davon die Rede, Siegel habe ein neuartiges Gerät erfunden, mit dem die Energie „ernten“ könne. Daran ist so ziemlich alles falsch. So interessant Siegels Projekt als künstlerische Auseinandersetzung mit unserer elektrifizierten Welt ist, so wenig spektakulär ist sein Gerät. Jeder einfache Radioempfänger funktioniert nach diesem Prinzip. Der im Artikel dargestellte Zusammenhang zwischen elektromagnetischen Wellen und Stromfluß ist bekannt, seit James Clerk Maxwell 1855 seine Theorie über den Zusammenhang zwischen Elektrizität und Magnetismus präsentierte.

Der ganze Artikel erweckt den Eindruck Dennis Siegel habe hier ein neuartige Technik entwickelt, mit der man quasi Energie aus dem Nichts schaffen könnte; entsprechend heißt der Beitrag dann auch Energie aus dem „Nichts“. Nun sollte jedem der in der Mittelstufe im Physikunterricht nicht nur Käsekästchen gespielt hat, geläufig sein, dass man Energie nicht erschaffen oder vernichten kann. Man kann sie nur von einer Form in die andere umwandeln. Dieses erste Gesetz der Thermodynamik ist einer der Pfeiler der Physik und ein unumstößliches Naturgesetz. Umgekehrt bedeutet das natürlich, dass die Energie, die Siegels Gerät da auffängt irgendwo herkommen muss. Im Falle des Beispiels aus dem Artikel. aus dem Akku des -möglicherweise nichtsahnenden- Handynutzers. Im besten Fall sorgt die Energieabsaugung nur dafür, dass der Akku schneller leer ist, im ungünstigsten Fall reicht die übriggebliebene Sendeleistung des Handies nicht mehr um mit der Basisstation zu kommunizieren: Die Telefonverbindung bricht ab.

So wird aus dem vermeintlichen Stein der Weisen ein elektronischer Nachzehrer, der dem Handy in der Nachbarschaft aus der Distanz die Lebensenergie absaugt. Die wundersame Energieproduktion aus der „Luft“ wird profaner Diebstahl, wenn sie denn zur ernsthaften Energiegewinnung eingesetzt würde.

Ich vermute hier mal, dass  Dennis Siegel hier nicht ganz unabsichtlich mit den Grenzen des Erlaubten spielt. Würde er seine „Erfindung“ zur privaten Energiegewinnung einsetzen, würde er sich strafbar machen.

Leider fehlt in dem Artikel dieser Aspekt ebenso, wie eine Betrachtung der Absichten des Künstlers, über die der Leser sicher gern mehr Erfahren würde.

Youth of today

Manchmal ist die Welt besser als man denkt. Noch letzte Woche habe ich mal wieder vor den Zeitschriftenregalen im Supermarkt gestanden, und mich gewundert. Darüber für wie blöd die Verlage offenbar ihre Leser halten. Besonders wenn man mal in einer der sog. „Frauenzeitschriften“ blättert. „Interessieren sich Frauen wirklich ernsthaft für den Blödsinn, der da drin steht?“ frage ich mich dann immer. Nun gibt es bestimmt Frauen, die sich für Mode und Starklatsch interessieren (es gibt ja auch Männer, die sich für Fußball und Autos interessieren, und das ist genauso Klischee). Die ZDF-neo Redakteurin Inga Weßling hat in einem launigen Beitrag neulich versucht die „Beauty und Wellnesstipps“ aus solchen Zeitschriften mal auszuprobieren. Leider fehlten mir da etwas die kritischen Worte zu alldem esoterischen Unfug, der in diesen Zeitschriften steht. Die Journalistin Magarete Stokowski vermeinte in der taz bereits eine faschistische Grundhaltung in solchen Zeitschriften auszumachen. Das halte ich für zu viel Ehre, angesichts des hirnlosen Blödsinns der den Großteil des Inhalts ausmacht, aber das Prädikat sexistische Kackscheiße verdienen die meisten Zeitschriften mit Leichtigkeit.

Nach schlimmer sieht es aus, wenn man sich diejenigen Zeitschriften anschaut, die sich an eine jugendliche Leserschaft wenden. Die beiden größten Zeitschriften die sich speziell an Mädchen wenden sind im deutschsprachigen Raum Bravo Girl! aus dem Bauer Verlag und Mädchen von Axel Springer.

Als erstes fällt auf, dass alles extrem rosa ist, und bei Mädchen klärt schon der Seitentitel darüber auf, dass die Leserin hier Alles über Beauty, Mode, Syling, Stars, Schule und Aufklärung erfährt. In dieser Reihenfolge. In der Mode-Sektion gibt es dann ausführliche Artikel darüber, wie die aktuellen Modetrends bei Jungs ankommen, oder wie man angeblich Cellulite bekämpft. Müssen elfjährige Mädchen sich ernsthaft damit auseinandersetzen was Cellulite ist?  Überhaupt dreht sich fast alles darum, wie frau auf andere (insbesondere auf Jungs) wirkt. Wie bei den Erwachsenenzeitschriften geht es vor allem darum, den Mädchen einzureden, das sie sich schlecht zu fühlen haben, wenn sie nicht bestimmte Schönheitsidealde erfüllen. Dazwischen natürlich immer Werbung für Produkte, die versprechen genau diese Schönheitsideale zu ermöglichen. Passend dazu ist in dem Cellulite-Artikel nicht auf einem einzigen Bild eine Frau abgebildet, die nicht so heftig photoshopped ist, dass man kaum noch unterscheiden kann, ob es sich um ein echtes Foto handelt, oder um ein Computerbild.

Wenn man bedenkt, dass keine gesellschaftliche Gruppe einem solchen Konformitätszwang ausgesetzt ist, wie Teenager, finde ich das noch schlimmer als die Zeitschriften für erwachsene Frauen.

Mädchen, die sich diesen Müll nicht antun wollen bleibt da eigentlich nur das Missy-Magazine, das sich aber zum einen eher an junge Erwachsene richtet, und sich vor allem als feministisches Organ versteht.

So ähnliche Gedanken wird sich auch Tavi Gavinson gemacht haben. Vor vieeinhalb Jahren überraschte die damals 11-jährige mit ihrem Modeblog thestylerookie.com, in dem sie fröhlich mit Mode experimentierte, teils selbst entworfene Kleidung präsentierte und mit dem unschuldigen Ausdruck eines Kindes der Modeindustrie den Spiegel vorhielt. Scheinbar hat sie damit einen Nerv getroffen, den innerhalb kürzester Zeit wurde sie von der New York Times interviewt und saß zwischen den Göößen der Modewelt während der Pariser Woche. Karl Lagerfeld persönlich ließ angeblich einmal Bernadette Chirac, Gattin des französischen Ex-Präsidenten Jaque Chirac, warten, weil er lieber mit Gevinson reden wollte.

Inzwischen ist Tavi Gevinson 16, interessiert sich laut eigener Aussage immer noch für Mode, hat aber -neben der High-School- eine eigene Mädchenzeitschrift gegründet. Rookie (engl: „Anfänger“) heißt die nur Online erscheinende Zeitschrift, die eher wie ein großes Blog (wie z.B. boingboing) funktioniert. Das Konzept ist denkbar einfach: Jeder Monat ist einem Thema gewidmet (jetzt in der Ferienzeit passenderweise „On The Road“), und es erscheinen 3 Artikel am Tag; Der erste nach Schulschluß, der zweite zur Abendessenszeit und der letzte so gegen 10, vor dem schlafengehen). Die Themen decken die gesamte Lebenswirklichkeit amerikanischer Jugendlicher ab, von Liebe über Mode bis zu Schulproblemen und Teen Angst.

Ohne moralischen oder pädagogischen Zeigefinger schreibt das Team junger Autorinnen über Drogen, dem ersten Tag am College, und natürlich Musik, Mode und Sexualität. Gevinson nutzt dabei ihre eigene Bekanntheit um Stars zu bestimmten Themen zu befragen, die meist nichts mit deren Berühmtheit zu tun haben. Die Rubrik Ask A Grown Man/Woman, in der prominente Erwachsene sich den Fragen er Rookie-Lesserinnen stellen, ist ein Beispiel dafür.

Die Musikempfehliugen bewegem sich alle Jenseits des Mainstreams und reichen von Credence Clearwater Revival bis zu dänischen Gospel-Folk-Duos.

Das unaufdringliche Seitendesign und die oft sehr schönen, und vor allem ungeshoppten Bilder erinnern mich mitunter an Fotofachzeitschriften aus den siebziger Jahren.

Der einzige Nachteil des Magazins ist, das es nur auf Englisch erscheint, was vermutlich viele deutsche Leserinnen abschrecken wird. Vielleicht unterschätze ich da die Jugend aber auch. Immerhin zeigt mit dem Rookie-Magazin eine 16-jährige der Medienwelt gerade, wie man eine gute Jugendzeitschrift macht.

Wenn Tavi Gevinson stellvertretend für die Jugend von heute steht, darf man jedenfalls etwas optimistischer in die Zukunft blicken.

 

Dieser Download ist in Ihrem Land nicht verfügbar

Gerade hat Netzpolitik.org ein Papier (pdf) der Musikindustrie veröffentlicht, dass eigentlich geheim bleiben sollte. Laut dem Artikel bei Nettzpolitik wurde das Papier versehentlich veröffentlicht.

Eigentlich steht da auch nichts drin, was wir nicht schon längst wüssten. Die Wunschliste der Musikindustrie umfasst von Netzsperren bis Deep Packet Inspection und Klarnamenzwang alles was die feuchten Überwachungsträume hergeben.

Eines findet sich in den Papieren allerdings nicht: Die Forderung nach kundenfreundlichen Plattformen für Menschen, die sich Musik auf legalem Wege beschaffen wollen.

Ich selbst kaufe mir gern Musik, und ich möchte meine Lieblingssongs auf legalem Wege erwerben können. Nachdem ich mich bei Anbietern wie iTunes nicht recht wohl gefühlt habe, und ausserdem den Kauf mit meiner Linux Hardware tätigen möchte, bin ich inzwischen bei Amazon gelandet. Die Preise unterscheiden sich nicht wirklich von anderen Anbietern, und man braucht keine Apple-Hardware. Tatsächlich bietet Amazon sein Download-Tool (das man zum Kauf braucht) für Linux an, sodass der Kauf mit einem Plugin z.B. in Banshee recht einfach zu bewerkstelligen ist.

Umso erfreuter war ich, als ich erfuhr, dass es die Shop-Software auch für Android gibt. In Kombination mit SoundHound, einemt Tool das Musik identifiziert, ist das Klasse für mein neues Android-Handy. Unterwegs einen Song gehört, den man schon immer mal haben wollte, mit einem Klick identifiziert, den „Kaufen“ Button geklickt, und schon hat man ihn auf dem Handy.

So zumindest in der Theorie. In der Praxis findet die App von Amazon zwar den Song, erklärt mir dann aber, dass ich ihn leider nicht kaufen darf: Da meine Spracheeinstellungen auf „Englisch“ stehen, versucht die App sich nämlich auf dem britischen Store anzumelden, und da darf ich nicht einkaufen.

Die einzige Möglichkeit in den deutschen Store zu gelangen, ist es, das Programm zu beenden, und die Sprache meines Telefons auf „Deutsch“ umzustellen. Was soll so ein Blödsinn? Nun sehe ich ja ein, dass ich vermutlich einer Minderheit angehöre, weil ich bei meinen Geräten eine englischsprachige Benutzeroberfläche bevorzuge, aber wieso in aller Welt, meint Amazon mir vorschreiben zu können, in welche Sprache ich mein Telefon zu benutzen habe. Das die App anhand der Spracheinstellungen den Default-Shop auswählt, ist ja sinnvoll, aber wieso kann ich das in den Einstellungen nicht ändern? Eine einfache Drop-Down Box in den Settings hätte es ja getan.

Noch mehr wurmt mich allerdings, wieso ich nicht im britischen Shop Musik-Downloads kaufen darf. Immerhin ist Großbritannien ja in der EU! Ich weiß, dass ist nicht die Schuld von Amazon, sondern die der Musikindustrie. Es ist für mich aber keineswegs einzusehen, warum ich die Musik bestimmter Künstler, die in Deutschland mitunter gar nicht verkauft wird, nicht in Großbritannien kaufen darf. Die CD bestellen geht ja auch. Und ein britischer Künstler, der in Deutschland nicht vermarktet wird, wird sich sicher nicht ärgern, wenn ein paar Leute aus Deutschland seine Songs kaufen.

Solange sich an dieser kundenfeindlichen Politik nichts ändert, und man an den Wunschsong einfacher über einen Torrent-Tracker kommt, als über den Handel, werden alle Verbote und Netzsperren rein gar nichts bringen.

Replik auf einen offenen Brief

Sehr geehrte Tatort-Autoren,

Ich habe lange überlegt, ob ich auf ihren polemischen offenen Brief überhaupt antworten soll (das meine Überlegungen gelesen werden, davon gehe ich im Moment auch nicht aus, Sie werden sicher gerade mit Post überschwemmt).

Mich hat Ihr Schreiben, bei allem Verständnis für Ihre Sorgen, zunächst mal verärgert. Ich frage mich selber, warum ich mich von Ihrem Text, und vergleichbaren Texten so angegriffen fühle. Auf den ersten Blick brauche ich mir den Schuh gar nicht anzuziehen, ich lade keine Filme oder Musik bei Rapidshare herunter, sondern bei Amazon.de, und lese Bücher auf gedrucktem Papier. Ich bezahle sogar ganz brav meine Rundfunkgebühren, obwohl ich eigentlich gar kein Fernsehen schaue. Trotzdem fühle ich mich von Ihrem Schreiben angesprochen.

Das liegt, bei nährem hinsehen daran, wie diese Debatte geführt wird: Ihr Schreiben ist ersteinmal ein Rundumschlag gegen alle und jeden, die nicht derselben Meinung sind wie Sie. Sie werfen der „Netzgemeinde“ undifferenzierte Ansichten vor, und differenzieren doch selber nicht. Dass es innerhalb dieser „Netzgemeinde“, die wesentlich heterogener ist, als Sie es zu glauben scheinen, verschiedene Positonen gibt kommt Ihnen offenbar nicht in den Sinn. Im Gegenteil: Sie setzen die berechtigte Frage zu stellen, ob das aktuelle Urheber und Verwertungsrecht derzeit nicht versagt gleich mit der Forderung „die Urheber zu enteignen“.  (Nebenbei bemerkt, die Überlegung, die Schutzfristen auf die Lebenszeit des Urhebers zu begrenzen als „Enteignung der Urheber“ zu bezeichnen, geht haarscharf am Kern der Sache vorbei: Ich wüßte nicht, dass man in diesem Land einen Toten enteignen könnte., allenfalls seine Erben).

Statt zu differenzieren, weitern Sie ihre Vorwürfe, und das ist der Punkt an dem ich mich betroffen fühle, heimlich aus. Was zunächst ein Vorwurf an diejenigen ist, die sich illegal im Netz Filme und Musik beschaffen wird zur „Umsonstmentalität“, die unterschiedslos alles einschließt, von den tatsächlich illegalen Downloads über die von Ihnen verächtlich als „amateurhaft“ gegeißelte Wikipedia bis zur Open Source und Creative Commons Szene, die Sie wohl unausgesprochen als Verursacher dieser bösen „Umsontmentalität“ sehen.

Angesichts der vielen Aufklärungs- und Informationsarbeit, die freie Projekte betreiben, fällt es mit schwer zu glauben, dass Sie von dieser Szene und Ihren Motiven noch nie etwas gehört hätten. In dieser Szene geht es darum, den „User“ als Subjekt zu begreifen, das selber aktiv wird, und allen Menschen eine Teilhabe ermöglicht. Das schließt weder aus, damit Geld zu verdienen, noch will es in direkter Konkurrenz zu Ihren Geschäftsmodellen stehen.

Als aktives Mitglied dieser Szene (ich bin selber Autor von Software, sowohl proprietärer als auch freier), liegt es mir fern Ihnen den Broterwerb wegzunehemen, ich fühle mich aber persönlich angegriffen wenn Sie mir vorwerfen ein Erfüllungsgehilfe krimineller Banden zu sein, nur weil ich einen Algorithmus programmiere, der in der Lage ist Dateien auf einer Festplatte zu finden.

Ich würde es daher sehr Begrüssen, wenn Sie Ihr Angebot einer sachlichen Debatte ernst meinten, und in einen Dialog mit „der Netzgemeinde“ eintreten könnten. Möglicherweise wäre es für alle Seiten von Vorteil, wenn sich die Experten der Unterhaltungsbranche (also Sie) mit denjenigen an einen Tisch setzen würden, die die Mechanismen des Netzes am besten verstehen. Dazu müssen wir aber zunächst mal aufhören uns gegenseitig zu beleidigen.

Ich verbleibe

hochachtungsvoll. Ihr

Alexander Noack

Im Schatten des Vampirs

Gestern hat unsere Koalition beschlossen, das bereits 2009 in die Koalitionsvereinbarung eingefügte Leistungsschutzrecht für Presseverleger in Gesetzesform zu gießen. Wenn das so durchkommt wie von den Verlegern und der Bundesregierung vorgesehen, müsste ich für den Link auf Kai Biermanns lesenswerten Kommentar in der Zeit wohl bald tief in die Tasche greifen. Das zitieren und Verlinken von Presseartikeln soll nämlich, geht es nach den Plänen der Koalition, bald kostenpflichtig werden.

Schlimmer noch: Da durch ein Leistungsschutzrecht  nicht mehr die Schaffung des Artikels an sich, sondern der Inhalt einer Meldung schützbares Rechtsgut wird, kann letztlich derjenige, der den umgefallenen Blumenkübel als erstes meldet, von allen anderen Geld verlangen. Auf die nächste Abmahnwelle gegen kleine Seiten und Blogs darf man sich also schon freuen.

Die Bundesregierung begründet das damit, dass nur so die Kreativität und Qualität der Presse erhalten bleiben können. Wie beim Urheberrecht soll die Erstellung kreativer und journalistischer Arbeit gefördert werden, was angeblich nur möglich ist, wenn man die Rechte zur Weiternutzung eines Werkes zugunsten des Rechteverwerters weitgehend einschränkt.

Das dieses Argument nicht zieht, zeigt eine Geschichte die bereits beinahe 90 Jahre her ist, und eines der bedeutendsten Werke der Filmgeschichte betrifft: Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu – Eine Synphonie des Grauens aus dem Jahr 1922. Der Film ist nicht nur einer der ersten Horrorfilme überhaupt, er hat auch ein ganzes Paket an filmischen Techniken eingeführt, die heute noch für viele Genres prägend sind. So ist Nosferatu meines Wissens der erste Film, in dem die Low-Key-Fotografie als Stilmittel in einem Film verwendet wurde, um nur ein Beispiel zu nennen. Auch wenn Murnau die Handlungsorte und Personennamen verändert hat, erzählt der Film im wesentlichen die Geschichte von Bram Stokers berühmten Roman Dracula nach.

Wenig bekannt ist, dass Murnaus Projekt beinahe an Urheberrechtsfragen gescheitert wäre. Nicht nur hatte sich die Filmfirma Prana-Film GmbH mit dem Projekt finanziell verhoben, Murnau hatte es versäumt vor Drehbeginn die Erlaubnis von Bram Stokers Witwe Florence Stoker einzuholen, die noch im Jahr der Veröffentlichung gegen die Prana-Film, bzw. deren Konkursverwaltung gerichtlich vorging. Ein Vergleich, in dem Stoker 5000 britische Pfund für die Filmrechte forderte, scheiterte, weshalb im Juli 1925 das zuständige Berliner Gericht letztinstanzlich entschied, dass alle existierenden Kopien des Films, so wie die Orginalfilmrollen zu vernichten seien. Auch eine Aufführung des Films in England durch die britische Film Society konnte Stoker verhindern. Der Film Society gelang es vier Jahre lang, den Film zu verstecken, bevor ein erneuter Versuch das Werk zur Aufführung zu bringen schließlich zur Vernichtung der einzigen in Großbritannien vorhandenen Filmrolle führte.

Die Tatsache, dass der Film überhaupt noch existiert, war vor allem dem Umstand geschuldet, das Prana den Film schon in diverse Länder verkauft hatte, in die Florence Stokers langer Arm nicht reichte, und das -insbesondere in den USA- diverse Lichtspielhäuser ihre Kopie des Films verbargen, weil sie den Wert des Werkes erkannt hatten.

Dieses Beispiel zeigt deutlich, wie zu scharfe Urheberrechtsregelungen die Kreativität nicht fördern, sondern vor allem behindern können, besonders wenn sie einseitig Rechteinhaber, und nicht die Kreativen begünstigen (welche Leistung an Bram Stoker’s großem Werk hat Florence Stoker beigetragen?). Ginge es nach den Rechteinhabern, wäre uns lediglich die erste offizielle Verfilmung des Stoffs, der Film von Tod Browning erhalten geblieben. Die Verfilmung mit Bela Lugosi in der Rolle des transsilvanischen Grafen ist sicher eine der interessanteren Adaptionen des Stoffs, an Murnaus unheimliches Meisterwerk reicht sie, in meinen Augen, aber nicht heran.

Es ist also nicht dem Urheberrecht, sondern einer gehörigen Portion Glück, und einem gerüttelt Maß an zivilem Ungehorsam zu verdanken, dass wir dieses Meisterwerk der Filmkunst heute noch anschauen können.

Wer den Film noch nicht gesehen hat kann ihn sich bei Archive.org anschauen. Inzwischen, das Werk wird in diesem Jahr 90 Jahre alt, ist der gemeinfrei, interessanterweise gilt das nicht für die diversen Schnittfassungen, die mit unterschiedlicher Musik unterlegt z.B. auf DVD erhältlich sind.

Nach Nazi-Bafög nun die Nazi-Datei

Die Morde der rechtsradikalen Terrorgruppe NSU haben das ganze Land tief erschüttert. Neben der Tatsache, dass Rechtsradikale sich inzwischen so sicher fühlen, dass sie Morde begehen schockiert die Tatsache dass die Gruppe um Uwe Mundlos 12 Jahre lang völlig ungehindert morden konnte, ohne dass die Ermittlungsbehörden auch nur den geringsten Hauch einer Ahnung hatten, was da vor sich ging.

Und was fällt der Regierung dazu ein? Eine Nazi-Datei, so wie wir auch schon eine Gewalttäterdatei Sport haben, und eine Anti-Terror-Datei.

Nun ist erstmal nichts dagegen einzuwenden, wenn die Behörden Nazis und ihre Aktivitäten besser überwachen. Allein, ich zweifle, dass eine Datei, in der mögliche rechtsextreme Gewalttäter erfasst werden, in Zukunft helfen wird, Morde wie die Ceska-Morde zu verhindern. Die Thüringer Terrorzelle war den Fahndern schließlich bekannt, die Täter waren nur untergetaucht.

Hinzu kommt, dass die Einführung der Nazi-Datei jetzt als großer Erfolg der FDP hingestellt werden kann, und es eher um eine Herz-Lungen-Wiederbelebung des kleinen Koalitionspartners geht, als darum, die Verbrechen der NSU und das großflächige Versagen der Sicherheitsbehörden aufzuarbeiten. Immerhin hat man jetzt was gegen Nazis getan, ohne die von den Liberalen „befürchtete“ Gesinnungsdatei einzuführen.

Nach dem Nazi-Bafög wird der Skandal also jetzt vor allem für parteipolitisches Geplänkel genutzt.

Wissenschaft vor Gericht

Von den deutschen Medien weitgehend unbeachtet, spielt sich in Italien derzeit ein Skandal ab, der in Zukunft große Auswirkungen auf die Freiheit der Wissenschaft haben könnte.

Am 6. April 2009 ereignete sich in der italienischen Region Abbruzzen ein verheerendes Erdbeben. Mit einer Stärke von 6,3 auf der Momenten-Magnitude (5,8 auf der Richterskala ) war es das heftigste Beben in der Region seit dem Beben von Assisi im Jahre 1997. Am heftigsten traf das Beben die Stadt L’Aquilia und die umgebenden Ortschaften. Das Hypozentrum des Bebens befand sich nur 5 Kilometer vom Zentrum L’Aquilas entfernt in etwa 8,8 Kilometer Tiefe.

309 Menschen starben in dem Beben, 670000 wurden Obdachlos und die historische Innenstadt L’Aquilia’s wurde fast vollständig zerstört. Die Bilder von Menschen, die in Zeltstädten untergebracht werden mussten, gingen um die Welt.

Nun stehen die sieben Angehörigen eines Expertengremiums vor Gericht, die kurz vor dem Erdbeben die Bevölkerung aufklären sollten. Vorgeworfen wird Ihnen fahrlässige Tötung in 309 Fällen, und fahrlässige Körperverletzung in mehren tausend Fällen. In Italien ist bei Erdbeben die Kommision für große Gefahren zuständig. Hier tagen die Wissenschaftler nicht unter Ihresgleichen, die Kommision besteht aus Wissenschaftlern, den Leitern der jeweiligen Exekutivorgane des Katastrophenschutzes lokalen Politikern und Bürgern.

Im Vorfeld des großen Bebens hatte es eine Serie leichterer Beben gegeben, die von Wissenschaftlern als Vorboten eines größeren, eventuell verheerenden Bebens gesehen wurden. Die Kommision hatte darüber zu entscheiden, ob die Stadt vorsorglich evakuiert werden sollte oder nicht. Nicht zuletzt wegen des gigantischen logistischen Aufwands eine 70000-Seelen-Gemeinde zu evakuieren, noch da zu in den unwegsamen Abbruzzen, entschied man sich gegen die Evakuierung.

Die in der Kommission vertretenen Geologen hatten zuvor ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es praktisch unmöglich ist, Erdbeben vorauszusagen. Der Leiter der Kommision, Bernardo De Bernardinis, hatte den Bürgern in einer Pressekonferenz empfohlen, Ruhe zu bewahren, und „bei einem guten Glas Rotwein in den Häusern zu verweilen“.  Die, von De Bernadinis ebenfalls gegebenen Tipps, wie man sich am besten auf ein Beben vorbereitet, und was man tut, wenn es kommt, wurden -anders als diese Aussage- von den Medien nicht verbreitet.

Im wesentlichen dreht es sich bei dem Prozess also um die Frage, wer für die Entscheidung verantwortlich ist, die Region nicht zu evakuieren.

Um zu verstehen, wie lächerlich das ist, muss man sich vergegenwärtigen, wie komplex die geologische Konfiguration in und um Italien ist. Mit etwa einem Zentimeter pro Jahr schiebt sich die afrikanische Kontinentalplatte nordwärts. Dabei drückt sie den Boden des Mittelmeers unter das italienische Festland. Italien liegt auf der apulischen Platte, die ein System aus Mikroplatten am Südrand der eurasischen Kontinentalplatte bildet. Die apulische Platte besteht selbst wieder aus mehreren Einzelplatten, deren nördlichste, die adriatische Platte, die Norditalien und Teile der Adria umfasst, im Norden der italienischen Halbinsel die Alpen auffaltet. Südlich wird das ganze durch die Subduktionszone begrenzt, in der der Mittelmeerboden unter aplulische Platte absinkt. Aus dieser Zone bildet sich das Apennin-Gebirge.  Von hier werden Teile Italiens in Richtung Balkan gedrückt. Im Apennin-Gebirge bauen sich daher in den Gesteinen regelmäßig sehr große Spannungen auf, die sich in Erdbeben entladen. Das Problem: Wo und wie sich die Spannungen entladen, ist im wesentlichen Zufall. So kann es sein, dass es zu einer Serie kleiner, vergleichsweise harmloser Beben kommt, oder zu einem Großen. Kleine Beben können auch die geologische Lage so verändern, dass sich neue Spannungspunkte bilden, und daher ganz woanders ein Beben erst ausgelöst wird. Da Gestein sehr stabil ist, kann so eine Spannung auch mal Jahrhunderte oder Jahrtausende aufgebaut sein, bevor etwas passiert.

Vor diesem Hintergrund haben die warnenden Wissenschaftler die Wahl zwischen dem Teufel und dem Beelzebub: Evakuieren sie die Stadt, ohne das erstmal etwas passiert, werden sie sich fragen lassen müssen, wozu das Ganze. Ausserdem ist hier der Cry Wolf Effekt zu befürchten: Zu viele falsche Warnungen führen dazu, dass diese nicht mehr ernst genommen werden. Im Ernstfall kümmert sich dann niemand.

Es bleibt die Erkenntnis, dass sich Erdbeben derzeit nicht voraussagen lassen. In L’Aquilia erleben wir meines Erachtens einen Auswuchs unserer Sicherheitsgesellschaft, die für alles eine präzise Vorhersage will, und immer jemanden der am Ende die Schuld hat. Man könnte stattdessen auch Opfergaben in den Vesuv werfen, und dabei zu irgendwelchen Göttern beten, der Effekt wäre ähnlich.

Eine Verurteilung hätte, neben den verhängnisvollen Folgen für die beteiligten Wissenschaftler, weitreichende Folgen für die Geologie: Unter der Drohung strafrechtlich für Vulkanausbrüche und Erdbeben zur Verantwortung gezogen zu werden, wird sich kaum noch ein Wissenschaftler finden, der den Bereich der Erdbebenvorhersage erforschen will. Eine tatsächlich funktionierende Erbebenvorhersage rückt damit in noch weitere Ferne.

Cautio Criminalis

Seit dem Urteil, das Magnus Gäfgen €3.000 Schadenersatz wegen der Folterandrohung zuspricht, wird in Deutschland wieder über Folter diskutiert.  Zum einen darüber, ob es richtig ist, einem Menschen Schadenersatz zukommen zu lassen, oder nicht, zum anderen darüber, ob es nicht vielleicht gerechtfertigt ist, jemanden, der einer Tat wie der Entführung eines Kindes verdächtig ist, zu Foltern.

Die Diskussion über den Sinn von Folter ist nicht neu, und manche Dokumente sind von erschreckender Aktualität. Ich habe aus diesem Anlass beschlossen, einen Text zu veröffentlichen, den eigentlich jeder, der über Rechtsstaatlichkeit und Folter als Ermittlungsmethode spricht, gelesen haben sollte: Die Cautio Criminalis von Friedrich Spee von Langenfeld. Als Traktat gegen die Praxis der Hexenprozesse leitete es 1631 das Ende der Hexenverfolgungen in Europa ein. Ersetzt man die Worte Hexe und Zauberey durch moderne, wie Terror oder Islamismus, wird einem schnell deutlich, wie wenig der Text an Aktualität eingebüßt hat.

Die Cautio Criminalis besteht aus 52 Fragen, die Spee von Langenfeld mit Logik und rhetorischem können beantwortet. Dabei stellt er, auch das ist eine Parallele zur heutigen Terrordiskussion, die Existenz von Hexerei selbst nicht in Frage. Auch wenn wir es heute besser wissen, entsprach das wohl dem damaligen Kenntnisstand. Die Existenz vom islamistischem Terrorismus ist natürlich um einiges sicherer belegbar, als die Existenz von Hexerei. Das Besondere an Spees Argumentation ist aber, dass er gerade eben trotz der Annahme die zu bekämpfenden Verbrechen existierten wirklich, zu dem Schluss kam, dass die Mittel sie zu bekämpfen, ja sogar ungeeignet und schädlich sind.

Auf einen Vorschlag von Bella hin, entstand die Idee, die Cautio Criminalis  in 52 Blogartikeln auf verschiedenen Blogs in einer Blogkette zu veröffentlichen. Ich mache mal den Anfang, mit der ersten Frage, und fordere alle auf, sich anzuschließen, und eine weitere der Fragen aus Spees Text zu veröffentlichen.

1. Frage

Ob es wirklich Hexen, Zauberer oder Unholde gibt?

Ich antworte: Ja. Zwar weiß ich wohl, daß das von manchen, auch Katholiken und Gelehrten, auf deren Namen es hier nicht ankommt, bezweifelt worden ist; wohl wird auch manch einer nicht von ungefähr meinen können, daß es in der Geschichte der Kirche einstmals Zeiten gegeben hat, wo man nicht an Hexensabbate glaubte; und wohl bin ich endlich selbst, da ich in den Kerkern mit verschiedenen dieses Verbrechens Beschuldigten häufig und aufmerksam, um nicht zu sagen wißbegierig, umging, des öfteren in solche Verwirrung geraten, daß ich zuletzt kaum mehr wußte, was ich von der Sache halten sollte.

Wenn ich dann aber das Ergebnis dieser widerstreitenden Überlegungen zusammenfasse, so glaube ich trotz allem daran festhalten zu müssen, daß es wirklich etliche Zauberer auf der Welt gibt und nur Leichtfertigkeit und Torheit dies leugnen können. Man lese da die Schriftsteller nach, die darüber berichten: Remigius, Delrio, Bodinus und andere; es ist nicht unsere Aufgabe, hierbei zu verweilen. Daß es aber so viele und alle die sind, die seither in Glut und Asche aufgegangen sind, daran glaube ich, und mit mir auch viele fromme Männer, nicht. Es wird mich so leicht auch keiner zu solchem Glauben bekehren, der nicht mit mir in
lärmendem Ungestüm und mit dem Gewicht von Autoritäten streiten sondern mit vernünftiger Überlegung die Frage prüfen will.

Und das ist‘s, worum ich den Leser inständig bitte um der Liebe willen, die unser Gesetzgeber Christus so leidenschaftlich unter seinen Anhängern zu entfachen wünschte. Wer ungestüm und über das Verbrechen der Hexerei empört ist, der mag sich einstweilen bezähmen und zur Leidenschaft die Weisheit und Besonnenheit hinzunehmen, die ihm vielleicht noch fehlt. Nicht jeder Eifer rührt von der Tugend her, es gibt auch solchen, der seinen Ursprung in der bloßen Natur hat. Die Tugend ist maßvoll und bescheiden, sie läßt sich gern belehren und fürchtet darum nicht, geringer zu werden, wenn sie unterrichteter wird. Wenn wir uns voller Eifer überstürzen und, da wir alles schon zu wissen wähnen, nichts lernen wollen, ist es da ein Wunder, wenn uns in vielen Dingen die Wahrheit .verborgen bleibt? So folge mir denn, mein Leser, unvoreingenommen und gefügig, wohin ich dich behutsam an meiner Hand führen will. Es soll dich einmal nicht gereuen, viele Dinge schön langsam und eingehend durchdacht zu haben.

Zur zweiten Frage des Textes geht es bei Bella–>

…und im übrigen haben wir immer noch kein anständiges Wahlrecht

Gedanken zum „Folterskandal“ um Magnus Gäfgen

In den letzten Tagen ist einiges passiert, was die deutsche Volksseele aufgebracht hat. Zuerst waren da die Anschläge in Norwegen, die deutsche Politiker mit Forderungen nach Listen auffälliger Personen und anderer Einschränkung von Freiheitsrechten beantworteten, noch bevor sie überhaupt wussten was passiert war. Bei Facebook wurde flugs die Gruppe Todesstrafe für Anders Breivik gegründet (die es inzwischen nicht mehr gibt). Das Zementblog hat ein paar der Forderungen zusammengetragen, und einen sehr lesenswerten Kommentar dazu geschrieben. In den Kommentaren bei Facebook finden sich dann Kommentare wie dieser (danke an das Zementblog für das sammeln der Zitate):

Killing him would be too easy. He must be taken to a point where he begs people to kill him, maybe blind, with no hands and feet, and rusty iron pieces in all his rotten body.

Es sind aber nicht allein aufgebrachte Foristen und Facebook-Nutzer, die in dieses Horn stoßen. Auch die Politik bedient allzu gern die populistische Klaviatur, auch wenn die Forderungen da natürlich nicht ganz so unzivilisiert daherkommt wie in obigem Zitat.

Gestern geisterte dann der nächste Aufreger durch die Medien. Ein Gericht hatte dem Verurteilten Kindermörder Magnus Gäfgen eine Entschädigung zugesprochen, weil ihm nach seiner Festnahme im Jahr 2002 von Seiten der Polizei mit Folter gedroht worden war.

Gäfgen hatte den damals elfjährigen Bankierssohn Jakob von Metzler entführt um ein Lösegeld zu erpressen. Zum Zeitpunkt von Gäfgens Festnahme ging die Polizei davon aus, dass das Kind noch lebt, erst später, als die Leiche des Jungen entdeckt wurde, stellte sich heraus, das Gäfgen sein Opfer schon kurz nach der Entführung ermordet hatte.

Um den Aufenthaltsort des Kindes herauszufinden, ordnete der stellvertretende Frankfurter Polizeipräsident Wolfgang Daschner an, unmittelbaren Zwang, d.h. körperliche Gewalt gegen Gäfgen einzusetzen, um diesen zu einer Aussage zu nötigen.

Daschner wurde zu einer wegen Nötigung um Amt zu einer Geldstrafe verurteilt, und der Fall trat eine erhitzte Debatte los, ob der Einsatz von Folter in bestimmten Fällen nicht gerechtfertigt sei. An dieser Debatte beteiligten sich auch viele Politiker, die Daschners verhalten nicht nur grundsätzlich befürworteten, sondern auch gleich eine gesetzliche Regelung zu fordern, die Folter also zu einem Instrument der Strafprozessordnung zu machen.

Sowohl deutsche Gerichte als auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte haben wiederholt festgestellt, dass schon die Androhung von Folter ein Verstoß gegen die Menschenrechte und mit der Menschenwürde nach Artikel 1 GG nicht vereinbar ist.

Das hindert aber die Presse nicht daran, das jetzige Urteil zu kritisieren. Die Süddeutsche findet

Das Gericht hat Richtiges gewollt, aber Falsches gemacht.

Auch die Zeit schließt sich dem allgemeinen Lamento an. Auch wenn die Zeit, gleich zu Beginn des Kommentars festhält, dass das Gericht ja gar nicht anders entscheiden konnte (wozu dann noch der Kommentar?), folgt der Satz:

Folter darf es in einem Rechtsstaat nun mal nicht geben, auch nicht die Androhung derselben.

Der im Kontext des Kommentars in meinen Ohren ein wenig bedauernd klingt. Der Fall Gäfgen zeigt sehr deutlich worum es bei den Entscheidungen der Gerichte geht. Sicher, Gäfgens Tat ist an Schändlichkeit kaum zu überbieten. Und um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen geriert sich der Täter auch nach seiner Verurteilung noch als Opfer einer fehlgeleiteten Justiz und versucht durch Klagen zu verhindern, dass sein Fall Thema eines Fernsehfilms wird. Das alles ist in höchstem Maße schändlich und verachtenswert.

Aber gerade daran zeigt sich, wie wichtig jene Grundprinzipien sind, auf denen sich unser Rechtsstaat gründet. Es ist leicht, Menschenrechte und Würde zu fordern, wenn die Betroffenen Opfer irakischer Foltergefängnisse sind, oder chinesische Dissidenten. Im Angesicht eines Menschen der so schreckliche Dinge getan hat, wie Magnus Gäfgen immer noch an diesen Prinzipien festzuhalten, ist die Stärke dieses Rechtsstaates.

…und im übrigen haben wir immer noch kein anständiges Wahlrecht