Grob unterschätzt

Bundesjustizminister Heiko Maas geht auf Distanz zu seinem Generalbundesanwalt. Damit ist er im politischen Berlin derzeit nicht der einzige. Nachdem am vergangenen Donnerstag (30.06.2015) bekannt wurde, dass der Generalbundesanwalt Harald Range Ermittlungen gegen die Betreiber und Autoren des Blogs netzpolitik.org aufgenommen hat, beeilt sich nahezu jeder in der Berliner Regierung die Hände in Unschuld zu waschen.

Die immer neuen Enthüllungen aus den Snowdon-Dokumenten können dem politischen Berlin inzwischen nur noch ein Achselzucken abringen, davon, dass es normal ist, dass der Geheimdienst einer befreundeten Nation die Telefone der Spitzenpolitiker abhört, hat man das Volk ja inzwischen überzeugt. Dass die eigenen Geheimdienste dabei helfen, sitzt man auch aus. Längst beherrschen die täglich neuen Enthüllungen nicht mehr die Titelseiten, sondern landen, abgeschlagen und oft kaum beachtet unter „Politik“, „Kultur“ oder „Technik“ auf den Seiten 3 bis 20 der Tageszeitungen.

Die Taktik der Bundesregierung, den größten Überwachungsskandal in der Geschichte der Menschheit einfach auszusitzen, schien aufzugehen. Selbst der skandalöse Umgang der Regierung mit den NSA-Untersuchungsausschuss ist nicht mehr Thema in den Leitartikeln.

Das alles könnte, neben der Tatsache, dass die Bundesregierung und die Organe der Exekutive das Neuland eben erst betreten hat, und immer noch nicht so recht versteht, wie es dort zugeht, dazu geführt haben, dass die verantwortlichen dachten, dass auch die Anzeige wegen Landesverrats kaum jemand wahrnimmt.

Die Motive von Hans-Georg Maaßen, das Verfahren ins Rollen zu bringen sind zumindest nachvollziehbar. Das von ihm geführte Bundesamt für Verfassungsschutz (Achtung bei dem Link, das BfV hat in der Vergangenheit bereits Seitenbesuche getrackt!)  hat schon bei der Aufklärung des NSU-Skandals nicht gerade gut dagestanden. Und auch wenn in der NSA-Affäre vor allem der Bundesnachrichtendienst mit den US-Behörden kooperiert hat, hat das BfV natürlich auch in der Massenüberwachung der eigenen Bürger die Finger im Spiel. Genau darum ging es ja in den von netzpolitik.org veröffentlichten Plänen (genauer gesagt:Um Pläne diese Überwachung massiv auszuweiten).

Nun sind die Dokumente meiner Auffassung nach eher harmlos. Über die Pläne war schon zuvor berichtet worden, und zu wissen, dass die Dienste versuchen werden das Internet genauer zu überwachen, wo immer dies möglich ist, bedarf es eigentlich keiner Dokumente. Diese beweisen lediglich, was alle schon vermutet haben.

Hans-Georg Maaßen dagegen vermutet, dass die Informationen aus seiner eigenen Behörde an die Blogger von netzpolitik.org fließen. Diese haben aber als Journalisten ein Zeugnisverweigerungsrecht, müssen also dem BfV nicht erzählen, wer ihre Quellen sind.

Rechtsanwalt Markus Kompa hat daher, sehr plausibel wie ich finde, die Vermutung aufgestellt, dass es Maaßen überhaupt nicht darum geht die beiden Blogger, gegen die nun ermittelt wird, hinter Gitter zu bringen, sondern darum mit Hilfe der Anzeige einer Straftat nach §100 der Strafprozessordnung Zugriff auf das Waffenarsenal der elektronischen Überwachung zu erlangen: Angezapfte Telefone, Wanzen, Trackinggeräte und in Bälde vielleicht sogar die Vorratsdatenspeicherung. All das könnte so gegen die Blogger in Stellung gebracht werden. Selbst wenn die Ermittlungen dann eingestellt werden, eröffnet das die Möglichkeit die undichte Stelle in der eigenen Behörde aufzuspüren.

Was diese Erklärung jedoch nicht anbietet, ist eine Begründung warum der Justizminister die den Generalbundesanwalt nicht gestoppt hat, wenn er, wie er jetzt behauptet, dagegen sei solche Ermittlungen gegen Journalisten durchzuführen. Harald Range untersteht letzten Endes dem Justizministerium, und es ist hochgradig unwahrscheinlich, dass der Generalbundesanwalt Ermittlungen wegen eines staatsgefährdenden Vorgangs aufnimmt, und das ist Landesverrat letztendlich, ohne seinen Chef darüber in Kenntnis zu setzen. Nicht zuletzt weil Harald Range während seiner Amtszeit nicht gerade dadurch aufgefallen ist, sich über Anweisungen seines Chefs hinwegzusetzen, um -im Dienste der gerechten Sache- wie ein amerikanischer Fernseh-Cop die Bösen aufzuspüren und ihrer gerechten Strafe zu zu führen. Besonders im Zusammenhang mit der NSA Affäre wirkte er eher wie ein beflissener Bürokrat, der nichts tut, was er nicht schriftlich und in dreifacher Ausfertigung auf den Tisch bekommt.

Die Beteuerungen der Bundesregierung, die von Heiko Maas hätte informiert werden können, man habe von nichts gewusst, wirken daher so glaubwürdig wie die Beteuerungen eines Dreijährigen, der schwört er habe die Kekse nicht genommen, während ihm Schokolade und Krümel noch an Händen und Gesicht kleben.

Was also hat die Bundesregierung von den Ermittlungen? Bereits im November letzten Jahres drohte das Kanzleramt den Abgeordneten des Bundestages mit einer Strafanzeige wegen Geheimnisverrat, weil man vermutete, dass in den Ausschüssen zu NSA und Ukrainekrise  Personen saßen, die mutmaßlich Informationen an die Presse geleakt haben, die die Bundesregierung lieber nicht in der Öffentlichkeit gesehen hätte.

Dass die Bundesregierung Maaßen und Range hat gewähren lassen, könnte genau damit zusammen hängen: Ein Ermittlungsverfahren gegen Blogger, das deren Quellen enttarnt, ist selbst dann ein mächtiges Signal in Richtung der möglicherweise gesprächigen Abgeordneten, wenn die Blogger dabei ungeschoren bleiben: „Seht her, wir können euch enttarnen!“

Den solcherart enttarnten Quellen in Behörden, aber auch um Bundestag, dräut allerlei Ungemach. Und es hätte den angenehmen Nebeneffekt, dass -besonders wenn es zu einem Verfahren gegen die beiden Blogger Markus Beckedahl und Andre Meister käme, die netzpolitische Szene eher die Klappe halten würde, aus Angst ebenfalls mit Strafverfahren überzogen zu werden.

Nun haben natürlich schon größere Presseorgane über die diversen Skandale der Geheimdienste berichtet, aber ein Blog wie netzpolitik.org erscheint auf den ersten Blick als lohnendes Ziel: Erstmal hat das Blog nicht nur über die geheimen Dokumente berichtet, sondern auch die Dokumente selber Online gestellt. Das hat es so bislang noch nicht gegeben, man hofft also wohl auf einen Präzedenzfall.

Zweitens ist netzpolitik.org ein verhältnismäßig kleines Organ. Es wird von einer handvoll Leuten betrieben, und ist nicht so bekannt. Die Seite dient zwar als eine Art zentraler Dreh- und Angelpunkt der netzpolitischen Bewegung, und ist eine beliebte Quelle für Journalisten aus den Mainstram-Medien, dürfte aber außerhalb netzpolitischer Kreise wenig bekannt sein. Den „Shitstorm“ auf Twitter und in anderen sozialen Medien, so die Logik, würde man problemlos aussitzen können. Der Rest der Republik bekommt von dem Vorgang nichts nichts mit.

Das hat sich als grobe Fehleinschätzung erwiesen. Praktisch alle großen Zeitungen haben sich dem Thema gewidmet, und den Angriff auf die Pressefreiheit beklagt. Die Erinnerung an die Spiegel-Affäre ist heute ein wichtiger Bestandteil des journalistischen Selbstverständnisses, und so schrieben selbst die Blätter aus dem Hause Springer, die nicht unbedingt in dem Verdacht stehen allzu regierungsfern zu sein, und der netzpolitischen Bewegung unkritisch gegenüber zu stehen, von schweren Geschützen, und die Welt konstatiert der Bundesanwaltschaft ihre Glaubwürdigkeit verspielt zu haben.

Hier hat sich die Bundesregierung, hilflos im Neuland umhertappsend, grob verschätzt. Trotzdem es sich bei netzpolitik.org um einen eher kleinen Player handelt, ist Bedeutung der Seite für die deutsche Netzpolitik offenbar sehr groß.

Außerdem funktioniert der Beißreflex deutscher Journalisten, trotz der immer wieder beklagten Buzzfeedisierung der Medien, wenn es um die Verteidigung der Pressefreiheit geht, immer noch erstaunlich gut.

Die Bundesregierung wird jetzt wohl versuchen den Schaden zu begrenzen und einen Schuldigen auszumachen. Das wird wohl Harald Range sein, der Mann ist ohnehin schon 67, da kann man ihn auch in den Ruhestand versetzen. Wenn es ganz hart auf hart kommt, wird die Kanzlerin Justizminister Heiko Maas noch das Vertrauen aussprechen. Mehr Konsequenzen, fürchte ich, wird das Gaze nicht haben.

 

Der Erste Weltkrieg findet nicht statt -jedenfalls nicht im Fernsehen

Heute vor genau 100 Jahren begann, mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Belgien, der erste Weltkrieg. Einen Tag nachdem die deutsche Reichsregierung Frankreich den Krieg erklärt hatte.

Zur Erinnerung an den Kriegsausbruch, und im Gedenken an die gefallenen Soldaten, finden überall in Europa Gedenkfeiern statt, so auch  auf dem Militärfriedhof in Saint-Symphorien in Belgien. Auf dem Friedhof sind britische und deutsche Soldaten begraben.
Das Besondere an diesem Ereignis ist, dass neben Staatsoberhäuptern aller beteiligten Nationen, darunter unser Präsident, auch die Nachfahren der Soldaten da sind.

Die BBC überträgt das Ereignis live, und hat -bereits den ganzen Tag über- Programme zum Thema gebracht.
Wer fehlt, sind ARD und ZDF. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten haben die Berichterstattung über die Erinnerungsfeiern zu Phönix verbannt. Dort darf der ZDF-eigene Geschichtsexperte Guido Knopp seit heute mittag um 13 Uhr, den vermutlich nicht sehr zahlreichen Zuschauern den 1. Weltkrieg erklären. Die Übertragung der Gedenkfeier muss um 21:45 dem „Heute-Journal“ weichen.
Die ARD zeigt im „Sommerkino“ die Komödie „Working Mum“ und das ZDF beglückt die Zuschauer mit einem Krimi.

Angesichts der Bedeutung des Kriegsausbruchs, der oft „die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ genannt wird finde ich das, ehrlich gesagt, etwas mager.
Es geht bei solchen Ereignissen, gerade in Saint-Symphorien ja nicht darum, irgendwelchen Krieg zu glorifizieren, sondern im Gegenteil, der Toten zu gedenken und über die Lehren des Krieges zu reflektieren. Gerade in unseren Tagen, mit Kriegen in Nahost und der Ukraine, ist es wichtig sich die Zeit zu nehmen aus der Geschichte zu lernen.

Die BBC hat im Jahr 2014 dem ersten Weltkrieg schon etliche Sendestunden gewidmet, mit Dokumentationen und Spielfilmen. Im deutschen Fernsehen dagegen, wird die Erinnerung in die Spartenkanäle verbannt. Ich finde, dass ARD und ZDF gerade  zeigen, warum sie eigentlich nicht mehr in der Lage sind, ihren Bildungsauftrag zu erfüllen. Informationsprogramme und Gedenkveranstaltungen für einen Krieg, der bis heute das Gesicht Europas prägt, gehören ins Hauptprogramm in der Prime-Time!

Platte mit Sprung

Normalerweise ist es ja wesentlich angenehmer morgens vom Radiowecker geweckt zu werden, als von einem piependen Alarmton. Hat man allerdings Deutschlandfunk als Sender eingestellt, kann man auch ein böses Erwachen erleben.

Zum Beispiel wenn einen ein Interview mit dem innenpolitischen Hardliner der CDU, Wolfgang Bosbach, aus den Träumen reißt. Bosbach tritt seit Jahren als kompromissloser Verfechter der Vorratsdatenspeicherung auf. Befragt wurde er zu der Entscheidung von Justizminister Heiko Maas, einstweilen keinen Gesetzesvorschlag zur Vorratsdatenspeicherung vorzulegen, sondern stattdessen zunächst die Entscheidung des EuGH zur Richtline zur Vorratsdatenspeichrung abzuwarten.

Nun muss man, angesichts der Tatsache dass der EU-Gerneralanwalt Pedro Cruz Villalón zumindest Probleme bei der Vereinbarkeit der derzeitigen Richtline und der Grundrechtscharta der Europäischen Union sieht, kein erklärter Gegner der Vorratsdatenspeicherung sein, um zu erkennen, dass Maas vorgehen sinnvoll ist. Da die Rechtssprechung des EuGH sehr häufig den Empfehlungen der Generalanwälte folgt, kann man zumindest eine Änderung der Richtline erwarten.

Selbst ein Befürworter der Vorratsdatenspeicherung wie Bosbach sollte erkennenen, dass es unsinnig ist, jetzt einen Gesetzgebungsprozess in Gang zu setzen, nur um in drei oder vier Monaten von vorne zu beginnen, weil die Richtline sich ändert.

Der Rest des Interviews ließ mich für einen Moment glauben, ich sei in einer Zeitschleife gefangen, wie Bill Murray in Groundhog Day.

Bosbach wiederholt dieselben Phrasen, die er seit Jahren wiederholt. Zunächst mal sind da armen Polizeien und Staatsanwaltschaften, die, wenn man Bosbach glaubt, gleich geschlossen werden können, weil sie ohne die Vorratsdatenspeicherung gar nichts mehr ermitteln können. Als Kronzeugen fährt er den Kölner Oberstaatsanwalt Egbert Bülles auf, von dem er behauptet dieser wäre der „bekannteste Staatsanwalt Deutschlands“. Nun hat sich Bülles unbestreitbar einen Namen als Ermittler gemacht, viele Erfolge im Kampf gegen die organisierte Kriminalität, besonders im Bereich Menschenhandel, sind ihm zuzuschreiben. Aber gerade das macht ihn nicht gerade zu einem glaubwürdigen Zeugen in Sachen Vorratsdatenspeicherung: Das ein Staatsanwalt, der sich der Bekämpfung von organisiertem Verbrechen verschrieben hat, gern mehr Befugnisse für sich und seine Behörde hätte, verwundert nicht.

Abgesehen davon, dass das Argument, die Aufklärungsquote steige durch die Vorratsdatenspeicherung längst widerlegt ist, benötigten die Ermittler ja auch mit der Vorratsdatenspeicherung einen Verdacht, sonst wüssten sie ja gar nicht, wo sie suchen sollen. Und, auch wenn das Herrn Bosbach vielleicht überrascht, bei einem begründeten Anfangsverdacht Kommunikationsverbindungen abhören, dürfen die Behörden schon lange.

Nur, eine Begründung warum das die Vorratsdatenspeicherung  richtig macht, ist da nicht. Wenn man der Polizei das Recht gäbe, verdächtige Personen einfach festzunehmen und beliebig lange einzusperren, oder im Zweifelsfall einfach zu erschießen ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen, würde dies zweifelsfrei der Polizei ihre Arbeit noch mehr erleichtern. In solch einem Polizeistaat würde aber vermutlich nicht mal Herr Bosbach leben wollen.

Und dann wiederholt Bosbach, was er seit nunmehr fast acht Jahren regelmäßihg wiederkäut:

Es geht um die Datenspeicherung als solche, getrennt von den übrigen Daten, die gespeichert  werden zu Abrechnungszwecken. Es geht um Regelungen des Zugriffs auf diese Daten. Es geht ja nicht um die Inhaltsspeicherung. Die Inhalte von Kommunikation werden nicht gespeichert. Es geht nur um die sogenannten Verkehrsdaten.

Ganz so als wären gerade die Verkehrsdaten nicht das Problem. Um es noch mal deutlich zu sagen: Das Speichern der Verkehrsdaten ist das eigentliche Problem! Aus ihnen kann man die sozialen Beziehungen zwischen Menschen herauslesen, ihre Vorlieben und Abneigungen, ihre politischen Einstellungen, ihre sexuelle Orientierung. Verkehrsdaten sind eben die Daten, die das PRISM Programm der NSA im großen Stil abfängt und auswertet. Man muss sich schon Fragen unter welchem Stein Herr Bosbach im letzten halben Jahr gelebt hat, dass er das offenbar alles nicht mitbekommen hat.

Am Schluß des Interviews wird es dann völlig lächerlich, wenn Bosbach Heiko Maas vorwirft gegen die Vorratsdatenspeicherung zu sein obwohl doch im Koalitionsvertrag was anders steht. Es gilt also allein der Koalitionsvetrag, nicht etwa die Gewissensfreiheit der Abgeordneten. Zumindest wenn es nach Herrn Bosbach geht.

Das das allgemeine mimimi über eine Polizei, der die Hände gebunden sind, die Arbeit von Ermittlungsbeamten herabwürdigt, fällt da schon nicht mehr ins Gewicht.

Mit dem Bosbach ist es wohl wie mit einer kaputten Schallplatte: Man muss dieselbe Stelle immer wieder anhöhren, und stoppen tut sie auch nicht von allein. Die Platte von Herrn Bosbach wird vermutlich noch solange an derselben Stelle festhängen, wie er im Bundestag vertreten ist.

 

UPDATE 11.01.14:

Fefe meint, dass sich die Anzeichen mehren, dass die EU-Richtline wohl kurz vor dem Aus stehe. Das würde die Eile der Unionsfraktion natürlich erklären: Wenn sie zu dem Zeitpunkt, an dem die Richtline kippt noch kein Gesetz haben, dass man so belassen kann, wird es praktisch unmöglich sein, noch eines durchzusetzen. Wahrscheinlich wird dann sogar die SPD dagegen sein.

Rassismus „Rassismus“ nennen, und trotzdem weiterdenken

Achtung: Dieser Beitrag enthält Beispiele für rassistische Sprache und Schilderungen körperlicher Übergriffe!

 

Ich bin in der vergeangenen Woche über einen Beitrag von Anatol Stefanowitsch im Sprachlog gestolpert, der mich etwas nachdenklich gemacht hat. Die Süddeutsche Zeitung hatte über einen Fall berichtet, bei dem vier Marinesoldaten einen Vorgesetzen aus seiner Koje geholt haben, ihn mit Klebeband und Spanngurten an einen Tisch gefesselt, und dem Mann, der Deutscher ist, aber Thailändische Vorfahren hat, unter anderem den Spruch „Hier wohnen die Mongos“ auf den Körper gemalt hatten.

Anatol Stefanowitsch entdeckt in der Berichterstattung Strategien nach denen das rassistische Motiv der Tat heruntergespielt werde. Er schreibt dazu:

Wenn vier weiße deutsche Marinesoldaten einen ebenfalls deutschen Vorgesetzten mit thailändischen Vorfahren aus seiner Koje zerren, ihn mit Klebeband und Spanngurten an einem Tisch festkleben und –binden, und ihm die Worte „Hier wohnen die Mongos“ auf den Körper malen, dann ist das eine rassistische Tat. Und das Motiv für eine rassistische Tat ist selbstverständlich Rassismus. Das sollte so selbstverständlich sein, dass sich jede Spekulation und jede Ausflucht erübrigt.

Mit Verlaub, dass sehe ich etwas anders. Um es vorwegzunehmen: Natürlich ist diese Tat rassistisch. Und natürlich spielt Rassismus eine Rolle. Wenn es aber darum  geht, das Verbrechen aufzuklären, und im Rahmen der Berichterstattung aufzuarbeiten, ist es eben nicht selbstverständlich, dass das Motiv für die Tat Rassismus war. Aus den Presseberichten kann man über den Verlauf der Tat nicht viel erfahren. Noch weniger über das was davor geschehen ist. Vielleicht handelte es sich ja um einen Racheakt gegenüber dem Bootsmann, der immerhin ein Vorgesetzter war. In diesem Fall ist die Tat eben tatsächlich nicht aus einem rassistischen Motiv geschehen; vielmehr hätten sich die Täter dann rassistischer Handlungsweisen bedient, weil sie wußten, dass dies ihr Opfer am meisten treffen würde.

Nochmal: Das ist keine Rechtfertigung für die Tat, die Schändlichkeit rassistischen Handelns ändert sich nicht aufgrund des Motivs der Täter. Trotzdem, nimmt man nun an, das Motiv für die Tat ist eben Rassismus, macht man es sich zu leicht, und verhindert ggf. eine Aufarbeitung, weil die Ursachen, die zu der rassistischen Tat geführt haben nicht beachtet werden.

Das ist in etwa so, als würde man die Untaten von Anders Breivik erklären mit „Der ist eben böse!“ Das mag zwar zufriedenstellend sein, erklärt aber gar nichts. Für die Aufarbeitung der Tat ist es meiner Meinung nach sehr wichtig, die genauen Motive der Täter zu kennen. Sofort zu rufen: „Das ist allein der Rassismus!“ ist dabei eben so wenig hilfreich, wie die reflexhaften Versuche des Militärs solche Vorfälle als „Bedauerliche Einzelfälle“ darzustellen. Wenn wir wissen wollen, wie es um den Rassismus in den Institutionen bestellt ist, müssen wir tiefer bohren.

Rassismus muss man beim Namen nennen wo immer er auftaucht. Aber danach muss man auch weiterbohren, um herauszufinden was Menschen antreibt, die rassistisch Denken und handeln. Und das ist manchmal sehr unangenehm. Gemacht werden muss es trotzdem.

Youth of today

Manchmal ist die Welt besser als man denkt. Noch letzte Woche habe ich mal wieder vor den Zeitschriftenregalen im Supermarkt gestanden, und mich gewundert. Darüber für wie blöd die Verlage offenbar ihre Leser halten. Besonders wenn man mal in einer der sog. „Frauenzeitschriften“ blättert. „Interessieren sich Frauen wirklich ernsthaft für den Blödsinn, der da drin steht?“ frage ich mich dann immer. Nun gibt es bestimmt Frauen, die sich für Mode und Starklatsch interessieren (es gibt ja auch Männer, die sich für Fußball und Autos interessieren, und das ist genauso Klischee). Die ZDF-neo Redakteurin Inga Weßling hat in einem launigen Beitrag neulich versucht die „Beauty und Wellnesstipps“ aus solchen Zeitschriften mal auszuprobieren. Leider fehlten mir da etwas die kritischen Worte zu alldem esoterischen Unfug, der in diesen Zeitschriften steht. Die Journalistin Magarete Stokowski vermeinte in der taz bereits eine faschistische Grundhaltung in solchen Zeitschriften auszumachen. Das halte ich für zu viel Ehre, angesichts des hirnlosen Blödsinns der den Großteil des Inhalts ausmacht, aber das Prädikat sexistische Kackscheiße verdienen die meisten Zeitschriften mit Leichtigkeit.

Nach schlimmer sieht es aus, wenn man sich diejenigen Zeitschriften anschaut, die sich an eine jugendliche Leserschaft wenden. Die beiden größten Zeitschriften die sich speziell an Mädchen wenden sind im deutschsprachigen Raum Bravo Girl! aus dem Bauer Verlag und Mädchen von Axel Springer.

Als erstes fällt auf, dass alles extrem rosa ist, und bei Mädchen klärt schon der Seitentitel darüber auf, dass die Leserin hier Alles über Beauty, Mode, Syling, Stars, Schule und Aufklärung erfährt. In dieser Reihenfolge. In der Mode-Sektion gibt es dann ausführliche Artikel darüber, wie die aktuellen Modetrends bei Jungs ankommen, oder wie man angeblich Cellulite bekämpft. Müssen elfjährige Mädchen sich ernsthaft damit auseinandersetzen was Cellulite ist?  Überhaupt dreht sich fast alles darum, wie frau auf andere (insbesondere auf Jungs) wirkt. Wie bei den Erwachsenenzeitschriften geht es vor allem darum, den Mädchen einzureden, das sie sich schlecht zu fühlen haben, wenn sie nicht bestimmte Schönheitsidealde erfüllen. Dazwischen natürlich immer Werbung für Produkte, die versprechen genau diese Schönheitsideale zu ermöglichen. Passend dazu ist in dem Cellulite-Artikel nicht auf einem einzigen Bild eine Frau abgebildet, die nicht so heftig photoshopped ist, dass man kaum noch unterscheiden kann, ob es sich um ein echtes Foto handelt, oder um ein Computerbild.

Wenn man bedenkt, dass keine gesellschaftliche Gruppe einem solchen Konformitätszwang ausgesetzt ist, wie Teenager, finde ich das noch schlimmer als die Zeitschriften für erwachsene Frauen.

Mädchen, die sich diesen Müll nicht antun wollen bleibt da eigentlich nur das Missy-Magazine, das sich aber zum einen eher an junge Erwachsene richtet, und sich vor allem als feministisches Organ versteht.

So ähnliche Gedanken wird sich auch Tavi Gavinson gemacht haben. Vor vieeinhalb Jahren überraschte die damals 11-jährige mit ihrem Modeblog thestylerookie.com, in dem sie fröhlich mit Mode experimentierte, teils selbst entworfene Kleidung präsentierte und mit dem unschuldigen Ausdruck eines Kindes der Modeindustrie den Spiegel vorhielt. Scheinbar hat sie damit einen Nerv getroffen, den innerhalb kürzester Zeit wurde sie von der New York Times interviewt und saß zwischen den Göößen der Modewelt während der Pariser Woche. Karl Lagerfeld persönlich ließ angeblich einmal Bernadette Chirac, Gattin des französischen Ex-Präsidenten Jaque Chirac, warten, weil er lieber mit Gevinson reden wollte.

Inzwischen ist Tavi Gevinson 16, interessiert sich laut eigener Aussage immer noch für Mode, hat aber -neben der High-School- eine eigene Mädchenzeitschrift gegründet. Rookie (engl: „Anfänger“) heißt die nur Online erscheinende Zeitschrift, die eher wie ein großes Blog (wie z.B. boingboing) funktioniert. Das Konzept ist denkbar einfach: Jeder Monat ist einem Thema gewidmet (jetzt in der Ferienzeit passenderweise „On The Road“), und es erscheinen 3 Artikel am Tag; Der erste nach Schulschluß, der zweite zur Abendessenszeit und der letzte so gegen 10, vor dem schlafengehen). Die Themen decken die gesamte Lebenswirklichkeit amerikanischer Jugendlicher ab, von Liebe über Mode bis zu Schulproblemen und Teen Angst.

Ohne moralischen oder pädagogischen Zeigefinger schreibt das Team junger Autorinnen über Drogen, dem ersten Tag am College, und natürlich Musik, Mode und Sexualität. Gevinson nutzt dabei ihre eigene Bekanntheit um Stars zu bestimmten Themen zu befragen, die meist nichts mit deren Berühmtheit zu tun haben. Die Rubrik Ask A Grown Man/Woman, in der prominente Erwachsene sich den Fragen er Rookie-Lesserinnen stellen, ist ein Beispiel dafür.

Die Musikempfehliugen bewegem sich alle Jenseits des Mainstreams und reichen von Credence Clearwater Revival bis zu dänischen Gospel-Folk-Duos.

Das unaufdringliche Seitendesign und die oft sehr schönen, und vor allem ungeshoppten Bilder erinnern mich mitunter an Fotofachzeitschriften aus den siebziger Jahren.

Der einzige Nachteil des Magazins ist, das es nur auf Englisch erscheint, was vermutlich viele deutsche Leserinnen abschrecken wird. Vielleicht unterschätze ich da die Jugend aber auch. Immerhin zeigt mit dem Rookie-Magazin eine 16-jährige der Medienwelt gerade, wie man eine gute Jugendzeitschrift macht.

Wenn Tavi Gevinson stellvertretend für die Jugend von heute steht, darf man jedenfalls etwas optimistischer in die Zukunft blicken.

 

Heuchelei der Medien

In Ägypten ist Revolution. Gerade vom Joch Hosni Mubraraks befreit, hoffen viele Ägypter jetzt auf die ersten freien Wahlen, bei Protesten gegen den Militärrat kamen in den vergangenen Tagen über 20 Menschen ums Leben. Neben diesen diesen Ereignissen fällt die Aufregung um ein Bild geradezu lächerlich aus. Dennoch diskutieren tausende Ägypter, aber auch Menschen aus aller Welt derzeit über ein Foto.

Es zeigt eine junge Frau, die 20-jährige Alia Magda al-Mahdi, in einem Akt. Die junge Frau hatte das Bild aus Protest gegen die Beschneidung der Kunstfreiheit in ihrem Blog veröffentlicht. Während Konservative und Islamisten sie verfluchen, und sogar Anzeige erstattet haben, jubeln liberale Kräfte und Frauenverbände ihr zu, und loben ihren Mut.

Für westliche Verhältnisse ist das Bild eher unspektakulär. Es versprüht künsterlisch ein wenig den Charme früher Aktfotografie des beginnenden 20. Jahrhunderts, deren Ästhetik es sich bedient.

Im Westen ist man, erwartungsgemäß, entrüstet über die Welle an Wut und Hass, die über al-Mahdi hereingebrochen ist. Was unter anderem die CBS-News zu einem Bericht über die Zensur veranlasst hat:

Nudity is strongly frowned upon in Egyptian society, even as an art form. Elmahdy’s posting is almost unheard of in a country where most women in the Muslim majority wear the headscarf and even those who don’t rarely wear clothes exposing the arms or legs in public.

Der Bericht bemüht sich zwar um eine sachliche Darstellung der Fakten, schlägt sich dann aber auf die Seite der Konservativen, ohne ein Wort der Stellungnahme.

Ich finde das heuchlerisch.

 

Yesterdays news

Normalerweise ist es kein Grund zur Freude, wenn eine Zeitung ihren Betrieb einstellt. Besonders dann, wenn der Grund nicht wirtschaftlicher Natur ist. Wie gesagt, normalerweise. Am vergangenen Donnerstag gab der Vorsitzende des Verlages News International, James Murdoch, in einer Stellungnahme bekannt, dass am kommenden Sonntag, den 10. Juli 2011, die letzte Ausgabe der Zeitung News of the World erscheinen wird.

Die News of the World erschien erstmals 1843 als Sonntagszeitung im Tabloid-Format . Mit einem Preis von nur drei Pence (ca. £1 nach heutigem Geld) war die Zeitung von Beginn an auf die Bedürfnisse der working class people, also der Arbeiterklasse ausgerichtet, deren Alphabetisierung zu jener Zeit massiv voran schritt. Schon in der Anfangszeit waren die Quellen für Themen vor allem Geschichten über Kriminalfälle, reißerische Darstellungen, z.B. über Prostitution, und über die Skandale und das Leben der Upper Classes. Als erste Zeitung dieser Art, prägte sie, nicht zuletzt durch ihr optisches Erscheinungsbild bald das Bild des Red Top Tabloids, wie kaum eine andere Zeitung und diente als Vorbild für Zahlreiche andere Publikationen wie The Sun, oder den Daily Mirror.

1969 wurde die Zeitung vom australischen Medienmogul Rupert Murdoch aufgekauft, der schon zahlreiche ähnliche Blätter besaß. In der Murdoch-Ära konzentrierte die Zeitung sich noch mehr auf Prominenten-Klatsch Geschichten, und brachte einige Karrieren zu Fall. Ihrem Ruf, selbst im Boulevard-Journalismus, in dem es traditionell, vor allem in Großbritannien, besonders ruppig zugeht, zu den rücksichtslosesten zu gehören wurde die Zeitung immer wieder gerecht. So unternahm das englische Model Caroline Cossey 1981 einen  Selbstmordversuch, nach dem die Zeitung ausführlich über ihre Transsexualität berichtet hatte.

Auch britische Königshaus  war immer wieder ein beliebtes Ziel der Zeitung. Ausführliche Berichte über den Alkoholkonsum des damals minderjährigen Thronfolgers Prinz Harry fanden weltweite Resonanz, und brüskierten das Königshaus.

Im Jahre 2008 veröffentlichte die News of the World ein Video, das den damaligen Formel-1 Chef Max Mosley bei sadomasochistischen Sex-Spielen mit zwei Prostituierten zeigte, und behauptete es handele sich um „Sex-Spiele im Nazi-Kostüm“. Ein Gericht sprach Mosley später £60.000 Schmerzensgeld zu, und verurteilte die Zeitung zu einer empfindlichen Strafe.

Einen ersten Höhepunkt erreichte die Kontroverse um die Zeitung im Jahr 2000, als die News of the World nach dem Mord an der neunjährigen Sarah Payne eine Kampagne startete, um ein Gesetz zu erzwingen, dass den Bürgern -nach Vorbild der USA- Einblick in das Sex Offenders Register erlaubt, damit diese sehen können, ob in ihrer Umgebung ein Sexualstraftäter lebt. Das Blatt veröffentlichte dabei Fotos mit Namen und Anschriften von tatsächlichen und vermeintlichen Sexualstraftätern. Diverse Personen mussten unter Polizeischutz gestellt werden, ein Mann wurde bei einem Angriff schwer verletzt, weil er verletzungsbedingt eine medizinische Halskrause trug, wie sie auch einer der Abgebildeten auf dem Foto trug. Das Haus einer Kinderärztin wurde von einem aufgebrachten Mob zerstört, weil die Zeitung ihre Anschrift veröffentlichte hatte, wohl weil man in der Redaktion den Unterschied zwischen Paedophile und Paediatric (Kinderarzt) nicht kannte. Die Zeitung machte kaum einen Hehl daraus, dass die Angriffe auf Unbeteiligte ein gewollter Effekt der Kampagne waren: So sollte Druck auf die Regierung ausgeübt werden, das geforderte Gesetz zu erlassen.

Das Ende der Zeitung ergab sich aber aus einer Affäre, die bereits seit einigen Jahren andauert, und als Phone-Hacking-Scandal bekannt wurde. Im Jahre 2005 veröffentlichte die Zeitung einige Berichte über eine angebliche Knieverletzung Prinz Williams, über die aus dem Buckingham Palace noch nichts berichtet worden war. Im August 2006 wurde der Hofberichterstatter der News of the World, Clive Goodman, unter dem Verdacht verhaftet, illegal Telefongespräche der Mitglieder des Königshauses abgehört zu haben. Bei der Gerichtsverhandlung im November bekannten sich Goodman und sein Mitangeklagter, der Privatdetektiv Glenn Mulcaire, schuldig im Sinne der Anklage. Der Chefredakteur der News of the World, Andy Coulson, wird mit der Aussage zitiert:

I have put in place measures to ensure that they will not be repeated.

Im Januar 2007 wurden Goodman und Mulcaire zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt. Coulson trat von seinem Amt als Chefredakteur zurück.

Im Juli 2010 veröffentlichte der Guardian eine Coverstory, laut der die News of the World unter der Leitung von Andy Coulson die Zugangsdaten von Voicemailboxen und E-Mail-Konten von mehr als 3000 Prominenten aus Showbusiness und Politik gesammelt haben sollen. Die vom Guardian veröffentlichte Liste enthielt unter anderem die Namen des damaligen Vize-Premierministers Lord Prescott und des Bürgermeisters von London, Boris Johnson. Die Anschuldigungen wurden von Scotland Yard bestätigt.

Im Laufe der Ermittlungen wurden die Aussagen Andy Coulsons, der inzwischen Pressesprecher des Premierministers David Cameron war, er habe von den Abhöraktionen nichts gewusst, immer zweifelhafter. Am 21. Januar schließlich trat Coulson von seinem Amt als Pressesprecher zurück.

Am 7. Juni 2011 wurde einer der Betroffenen, der britischen Schauspielerin Sienna Miller von einem Gericht in einem Vergleich ein Schadenersatz von £100.000 zugesprochen. Sie ist die erste der Betroffenen, die einen Schadenersatz von der Zeitung erhalten hat. In den folgenden Wochen folgen mehrere weitere Prominente, die einen Schadenersatz zugesprochen bekommen.

Im Laufe des Juni kam es zu mehreren weiteren Festnahme bezüglich des Skandals, als, wiederum der Guardian, am 4. Juli 2011 die Bombe platzen ließ: Die News of the World hatte sich im Jahre 2002 die Zugangsdaten zum Mobiltelefon des 13-jährigen Entführungsopfers Milly Dowler verschafft. Dowler war am 21. März 2002 auf dem Heimweg von der Schule verschwunden. Die Polizei ging von Beginn an von einem Gewaltverbrechen aus. Tatsächlich war Dowler entführt, sexuell missbraucht und anschließend getötet worden. In der Zwischenzeit hatte die Redaktion der News of the World sich Zugang zur Voicemailbox von Milly verschafft, und dort nicht nur Nachrichten abgehört. sondern auch regelmäßig Nachrichten gelöscht, wenn die Box voll war. Dies nährte sowohl bei Millys Eltern, als auch bei der Polizei, die Hoffnung, dass Milly noch am Leben sein könnte. Erst als am 18. September ihre Leiche entdeckt wurde, bestätigten sich die Befürchtungen.

Gestern wurden Clive Goodman und Andy Coulson, sowie ein weiterer, nicht näher genannter Mann, wegen dieser Sache verhaftet.

Wegen des enormen Drucks hat man sich bei News International nun entschieden, die News of  the World sterben zu lassen.

Pressefreiheit ist ein enorm hohes Gut, und sie muss von Politik und Gesellschaft geschützt und behütet werden. Aber auch die Journalisten selbst tragen eine Verantwortung: Die Pressefreiheit nicht zu missbrauchen, um aus dem Leben und Leiden anderer ein Geschäft zu machen. Ein Missbrauch dieser Freiheit von so ungeheuerlichem Ausmaß, wie die News of the World ihn hier gezeigt hat, schadet der Pressefreiheit ebenso viel wie jeder Diktator es könnte. Es bleibt die Hoffnung, dass wir alle unsere Lehren ziehen. Der Boulevardjournalismus, der lernen muss Grenzen einzuhalten, und dass nicht alles was man erfährt auch eine Nachricht ist. Aber auch wir, die Leser, sollten in uns gehen. Sind wir es doch, die -das darf nicht vergessen werden- Zeitungen wie der News of the World ihr Trieiben überhaupt erst ermöglichen, sind wir es doch, die nach Geschichten über Stars und Sternchen, über tragische Schicksale und über das Sterben der Menschen gieren. Das sind wir den Eltern von Milly Dowler schuldig; und uns selbst.

 

 

P.S.: …und wir haben immer noch kein anständiges Wahlrecht