Youth of today

Manchmal ist die Welt besser als man denkt. Noch letzte Woche habe ich mal wieder vor den Zeitschriftenregalen im Supermarkt gestanden, und mich gewundert. Darüber für wie blöd die Verlage offenbar ihre Leser halten. Besonders wenn man mal in einer der sog. „Frauenzeitschriften“ blättert. „Interessieren sich Frauen wirklich ernsthaft für den Blödsinn, der da drin steht?“ frage ich mich dann immer. Nun gibt es bestimmt Frauen, die sich für Mode und Starklatsch interessieren (es gibt ja auch Männer, die sich für Fußball und Autos interessieren, und das ist genauso Klischee). Die ZDF-neo Redakteurin Inga Weßling hat in einem launigen Beitrag neulich versucht die „Beauty und Wellnesstipps“ aus solchen Zeitschriften mal auszuprobieren. Leider fehlten mir da etwas die kritischen Worte zu alldem esoterischen Unfug, der in diesen Zeitschriften steht. Die Journalistin Magarete Stokowski vermeinte in der taz bereits eine faschistische Grundhaltung in solchen Zeitschriften auszumachen. Das halte ich für zu viel Ehre, angesichts des hirnlosen Blödsinns der den Großteil des Inhalts ausmacht, aber das Prädikat sexistische Kackscheiße verdienen die meisten Zeitschriften mit Leichtigkeit.

Nach schlimmer sieht es aus, wenn man sich diejenigen Zeitschriften anschaut, die sich an eine jugendliche Leserschaft wenden. Die beiden größten Zeitschriften die sich speziell an Mädchen wenden sind im deutschsprachigen Raum Bravo Girl! aus dem Bauer Verlag und Mädchen von Axel Springer.

Als erstes fällt auf, dass alles extrem rosa ist, und bei Mädchen klärt schon der Seitentitel darüber auf, dass die Leserin hier Alles über Beauty, Mode, Syling, Stars, Schule und Aufklärung erfährt. In dieser Reihenfolge. In der Mode-Sektion gibt es dann ausführliche Artikel darüber, wie die aktuellen Modetrends bei Jungs ankommen, oder wie man angeblich Cellulite bekämpft. Müssen elfjährige Mädchen sich ernsthaft damit auseinandersetzen was Cellulite ist?  Überhaupt dreht sich fast alles darum, wie frau auf andere (insbesondere auf Jungs) wirkt. Wie bei den Erwachsenenzeitschriften geht es vor allem darum, den Mädchen einzureden, das sie sich schlecht zu fühlen haben, wenn sie nicht bestimmte Schönheitsidealde erfüllen. Dazwischen natürlich immer Werbung für Produkte, die versprechen genau diese Schönheitsideale zu ermöglichen. Passend dazu ist in dem Cellulite-Artikel nicht auf einem einzigen Bild eine Frau abgebildet, die nicht so heftig photoshopped ist, dass man kaum noch unterscheiden kann, ob es sich um ein echtes Foto handelt, oder um ein Computerbild.

Wenn man bedenkt, dass keine gesellschaftliche Gruppe einem solchen Konformitätszwang ausgesetzt ist, wie Teenager, finde ich das noch schlimmer als die Zeitschriften für erwachsene Frauen.

Mädchen, die sich diesen Müll nicht antun wollen bleibt da eigentlich nur das Missy-Magazine, das sich aber zum einen eher an junge Erwachsene richtet, und sich vor allem als feministisches Organ versteht.

So ähnliche Gedanken wird sich auch Tavi Gavinson gemacht haben. Vor vieeinhalb Jahren überraschte die damals 11-jährige mit ihrem Modeblog thestylerookie.com, in dem sie fröhlich mit Mode experimentierte, teils selbst entworfene Kleidung präsentierte und mit dem unschuldigen Ausdruck eines Kindes der Modeindustrie den Spiegel vorhielt. Scheinbar hat sie damit einen Nerv getroffen, den innerhalb kürzester Zeit wurde sie von der New York Times interviewt und saß zwischen den Göößen der Modewelt während der Pariser Woche. Karl Lagerfeld persönlich ließ angeblich einmal Bernadette Chirac, Gattin des französischen Ex-Präsidenten Jaque Chirac, warten, weil er lieber mit Gevinson reden wollte.

Inzwischen ist Tavi Gevinson 16, interessiert sich laut eigener Aussage immer noch für Mode, hat aber -neben der High-School- eine eigene Mädchenzeitschrift gegründet. Rookie (engl: „Anfänger“) heißt die nur Online erscheinende Zeitschrift, die eher wie ein großes Blog (wie z.B. boingboing) funktioniert. Das Konzept ist denkbar einfach: Jeder Monat ist einem Thema gewidmet (jetzt in der Ferienzeit passenderweise „On The Road“), und es erscheinen 3 Artikel am Tag; Der erste nach Schulschluß, der zweite zur Abendessenszeit und der letzte so gegen 10, vor dem schlafengehen). Die Themen decken die gesamte Lebenswirklichkeit amerikanischer Jugendlicher ab, von Liebe über Mode bis zu Schulproblemen und Teen Angst.

Ohne moralischen oder pädagogischen Zeigefinger schreibt das Team junger Autorinnen über Drogen, dem ersten Tag am College, und natürlich Musik, Mode und Sexualität. Gevinson nutzt dabei ihre eigene Bekanntheit um Stars zu bestimmten Themen zu befragen, die meist nichts mit deren Berühmtheit zu tun haben. Die Rubrik Ask A Grown Man/Woman, in der prominente Erwachsene sich den Fragen er Rookie-Lesserinnen stellen, ist ein Beispiel dafür.

Die Musikempfehliugen bewegem sich alle Jenseits des Mainstreams und reichen von Credence Clearwater Revival bis zu dänischen Gospel-Folk-Duos.

Das unaufdringliche Seitendesign und die oft sehr schönen, und vor allem ungeshoppten Bilder erinnern mich mitunter an Fotofachzeitschriften aus den siebziger Jahren.

Der einzige Nachteil des Magazins ist, das es nur auf Englisch erscheint, was vermutlich viele deutsche Leserinnen abschrecken wird. Vielleicht unterschätze ich da die Jugend aber auch. Immerhin zeigt mit dem Rookie-Magazin eine 16-jährige der Medienwelt gerade, wie man eine gute Jugendzeitschrift macht.

Wenn Tavi Gevinson stellvertretend für die Jugend von heute steht, darf man jedenfalls etwas optimistischer in die Zukunft blicken.