Der Welt Lohn

Wie seit vielen Jahren jedes Mal, arbeite ich auch während der Bürgerschaftswahl als ehrenamtlicher Wahlhelfer.

Ich habe mir, da die Auszählung aufgrund es komplizierten Bremer Wahlrechts sehrt lange dauert, extra Urlaub genommen, und bin damit bei weitem nicht der Einzige.

Dass die Auszählung der Stimmen von den Bürgern selbst durchgeführt wird, ist meiner Meinung nach eine Kernfunktion in einer Demokratie. Das Ergebnis muss transparent ermittelt werden, und jeder Wahlberechtigte muss das kontrollieren können. Das ginge nicht, wenn es z.B. an eine Firma „outgesourced“ würde.

Leider scheinen Teile der bremer Öffentlichkeit diese Einstellung nicht zu teilen. Anders kann ich mir das kollektive Bashing der Wahlhelfer nicht erklären, zu dem die Medien, und die sozialen Medien gerade anheben.

So schreibt Jochen Grabler auf radiobremen.de:

Die Bremer, sie können’s halt nicht. Kennt man ja, Pisa, nicht mal zusammenzählen können die. Das Schlimmste ist: Man kann nicht mal widersprechen.

Zusammengefasst: Die Leute die da zählen sind zu blöd dazu. Alles dumme Analphabeten. Und faul sind sie dazu:

Doch spätestens am nächsten Morgen staunt der Bremer nicht schlecht. Rot-Grün ist mit 42 Sitzen in der Bürgerschaft ins Bett gegangen – und steht mit 44 wieder auf. Dabei hat sich über Nacht an den Zahlen kaum was getan. Ein Wunder von der Weser! Von den „Hochrechnungen“ für die Wahlbeteiligung mal ganz abgesehen. Kann das sein, dass es Stunden um Stunden braucht, diese einfache Zahl zu ermitteln? Es kann!

Die ehrenamtliche Wahlhelfer sollen also, findet Herr Grabler, gefälligst nachts nicht einfach nach Hause gehen, sondern bitte die Nacht komplett durchmachen.

Es ist richtig, dass Montag erst um 10 Uhr angefangen wurde. Was in Medienberichten zum Thema aber gern unterschlagen wird: es wurde bis spät in die Nacht gearbeitet. Ich selber war so gegen halb drei (morgens) zu Hause. Zu erwarten, dass die Menschen, die diese Arbeit (nebenbei: unbezahlt!) auf sich nehmen, dann um 7 oder 8 wieder auf der Matte zu stehen haben, oder noch besser, gleich da bleiben, finde ich ein wenig vermessen.

Sicher, es hat dieses Jahr viele Pannen gegeben, das besteitet niemand. Angefangen  mit dem Stromausfall, der ein ziemliches Ärgernis war, vor allem für die Wahlhelfer vor Ort, die ja ohne den Server (die Erfassungscomputer liefen zunächst noch) nicht weiter arbeiten konnten.

Am Montag wurden dann nicht bis abends Urnen ausgegeben.

Etliche Leute sind in dem heißen und stickigen Raum auch schlicht mit Kreislaufproblemen  umgekippt, was wohl zu der Entscheidung beigetragen hat, nicht mehr so lange zu machen.

Alles das darf, und muss man kritisieren.

Aber Grabler wischt die organisatorischen Probleme mit einem „Trotzdem“ vom Tisch, und übrig bleiben dann eben faule und unterbelichtete Wahlhelfer, die zu blöd zum Zählen sind.

Ich will gerne glauben, dass der Text nicht so gemeint war, zumal Grabler nicht direkt sagt, dass er findet die Wahlhelfer wären schuld. Aber der Text kommt beim Leser so an, die Reaktionen in meinem Umfeld zeigen mir das. Selbst Freunde und Familie fragen schon was denn da los ist.

Ich befürchte, diese Art der Berichterstattung wird nicht nur zur Folge haben, dass die Wähler sich weiter von der Politik abwenden, sondern bei der nächsten Wahl nicht mehr als Wahlhelfer zur Verfügung stehen, bevor sie sich dem Hohn und Spott von Arbeitskollegen und Freunden stellen müssen.

Zuletzt möchte ich noch eine Lanze brechen, für die vielen hauptamtlichen Mitarbeiter, die uns bei der Auszählung zur Seite stehen (zählen tun die natürlich nicht, aber sie regeln das drumherum). Alle mit denen ich zu tun hatte waren, trotz der Arbeitsbelastung stets freundlich und hilfsbereit, und haben sich, um das mal salopp zu sagen, ein Bein ausgerissen, um das alles trotz der widrigen Ums. Diesen Mitarbeitern sie hier mein Dank ausgesprochen!

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