Sänk ju for träwelling with Deutsche Bahn

Ich habe an diesem Wochenende mal wieder eine Bahnreise unternommen. Vor kurzem habe ich das, ohnehin kaum noch genutzte, Auto abgeschafft, sodass entweder ein Mietwagen in Frage kommt, oder die Bahn.

Nun habe ich gerade erst eine Bahnreise durch Großbritannien gemacht, bei der ich mit einem Britrail-Ticket drei Wochen lang duch das Königreich gereist bin. Dadurch habe ich einen direkten Vergeleich, wenn ich jetzt hier in Deutschland unterwegs bin.

Großbritannien ist ja bekanntlich das Heimatland der Eisenbahn, und nirgendwo gibt es so viele Eisenbahnfans wie dort. In keinem anderen Land der Welt dürfte Trainspotting, also das beobachten vorbeifahrender Züge, als ernstzunehmendes Hobby gelten. Nun beklagen sich die Briten immer gerne, dass ihr geliebtes Bahnnetz in den 1960er Jahren, im Zuge der Modernisierung unter Dr. Richard Beeching ziemlich kaputt gespart wurde. Da ist was dran, zwar wurden die alten Dampflokomotiven ausgemustert, und durch moderenere Diesel- und Elekroloks ersetzt, es wurden aber auch viele Nebenlinen stillgelegt, sodass Teile des Landes vom Eisenbahnnetz plötzlich abgeschnitten waren.

Innerhalb beider Ländern genießt die Bahn einen notorisch schlechten Ruf, und ich hatte nun den direkten Vergleich. Als Beispiel-Strecke dient meine erste Reise vom Flughafen Stansted nach Stroud in Gloustershire, zu der an diesem Wochenende getätigten Reise  von Bremen nach Schwerte an der Ruhr. Die Distanz ist vergleichbar, auch wenn bei der Strecke im Königreich noch einmal Umsteigen in Swindon dazu kommt.

In beiden Ländern bin ich erster Klasse gefahren; die Unterschiede waren aber erheblich.

In Großbritannien bin ich in Stansted Airport mit dem „Stansted Express“ gestartet. Der Zug gehört zur Geater Anglia Railway, und ist ein moderner Zug mit Großraumabteilen. Die erste Klasse unterscheidet sich vor allem durch gediegenere Sitzbezüge, Tische an jedem Sitz und mehr Fußraum. Nach dem der Schaffner mein Ticket kontrolliert hat, kommt sofort ein Steward, und bietet mir Kaffee, Tee oder Gebäck an. Der Tee wird im Pappbecher serviert, ist aber in der ersten Klasse, ebenso wie das Gebäck, im Fahrpreis inbegriffen. Auch in der zweiten Klasse gibt es das auch, nur muss man es dann halt extra bezahlen.

Der Stansted Express fährt alle 15 Minuten, und ist eher wie ein Nahverkehrszug zu verstehen. Der Nachteil an London als Zwichenstation: Weil fast alle Bahnhöfe Sackbahnhöfe sind, geht der Anschlusszug selten vom selben Bahnhof. Man muss sich also immer durch die Tube quälen, was Montag morgens mit Gepäck nur mäßig Spaß macht.

Der zweite Teil der Reise geht dann von London Paddington nach Swindon. Anbieter ist hier die Great Western Railway, eine der traditionsreichen Railway Companies im Land. Hier ist die erste Klasse Luxus pur. Im geräumigen Abteil sind die Sitze mit Leder bezogen, es gibt Strom und Internet (das tatsächlich auch funktioniert), und auch hier Bewirtung, mit heißen und kalten Getränken, die einem an den Platz gebracht werden. Wer mehr als ein Sandwich essen will kann im Speisewagen Platz nehmen, in dem es sogar  eine Richtige Küche gibt, also kein Microwellen essen wie im Flugzeug. Ich habe das nicht ausprobiert, aber andere Fahrgäste sagten mir, dass Essen in den Zügen sei durchaus gut. Trotz der relativ hohen Preise ist ein warmes Essen immer noch bezahlbar.

Der Zug fährt pünktlich in Paddington ab, und erreicht Swindon auf die Minute genau nach Fahrplan. Die großzügig geplante Umsteigezeit kann ich in dem kleinen Cafe direkt am Bahnsteig verbringen. Auch hier ist es natürlich teurer als bei Sainsbury’s, aber abgezockt komme ich mir nicht vor. Und ich sitze warm und trocken. Während ich am Bahnhof warte, fällt mir auf, dass auf jedem Bahnsteig mindestens zwei Mitarbeiter von GWR (erkennbar an den stylischen dunkelgrünen Uniformjacken) anwesend sind. Sie stehen Fahrgästen mit Rat zur Seite, helfen älteren und gebrechlichen Passagieren mit dem Gepäck, und holen -ohne Diskussionen und vorherige Anmeldung- eine Rollstuhlrampe, falls ein Rollstuhlfahrer auftaucht. Weil es etwas regnet, und ja nicht jeder im Cafe einen Kaffee kaufen will, lässt man uns etwas eher in den wartenden Zug nach Stroud. Auch der fährt pünktlich ab, und ist wie geplant in Stroud.

Insgesamt habe ich in den 3 Wochen 29 verschiedene Zugverbindungen genutzt, und nur einer davon, der Arriva Zug von Cardiff Central nach Milford Haven, hatte zwei Minuten Verspätung.

Drei Wochen später, wieder in Deutschland, fahre ich von Bremen nach Schwerte mit der Deutschen Bahn. Wieder erste Klasse gebucht. Man will ja mit Stil reisen, und der Comfort der Züge in Großbritannien hat mich überzeugt, dass die Reise erster Klasse den Aufpreis wert ist.

Es fängt bereits am Bahnhof an: Es ist Bundesligaspieltag, die Fans der gegnerischen Mannschaft reisen an. Außerdem ist der vorletzte Freimarktstag. Der Bahnhof ist zur Hälfte abgesperrt, es ist fast unmöglich überhaupt zum Bahnsteig zu kommen. Ein Regionalzug voller Fans kommt am anderen Gleis auf dem gleichen Bahnsteig an, jede Menge Fans strömen auf den Bahnsteig. Ich versuche so weit wie möglich von dem Getümmel weg zu kommen, und stehe deshalb viel weiter vorn, als mein Wagen- laut Wagenstandsanzeiger- ankommen soll. Trotzdem hält mich ein Bundespolizist auf: Die Polizei leite die Fans durch einen der beiden Ausgänge nach draußen, und auch ich hätte den zu benutzen. Ich versuche dem Beamten zu erklären, dass ich nicht zu dem Fußballspiel will, sondern auf den Zug auf Gleis 7 warte, der dort in 4 Minuten ankommen soll. Verständlich machen kann ich mich nicht, der Beamte beharrt darauf, dass alle Fahrgäste aus dem Regional-Express von der Polizei zu einer der bereit gestellten Straßenbahnen geleitet, und dann zum Stadion gefahren werden. Ich bin zwar etwas genervt, bleibe aber freundlich. Ich hole mein Ticket heraus, und zeige ihm, dass ich auf den Zug warte, der hier gleich abfahren soll, und mit dem Fußballspiel nichts zu tun habe.

Er will meine Personalien aufnehmen. Wiederwillig zeige ich meinen Ausweis, und er erklärt mit, nach dem er alles aufgeschrieben hat, dass ich den Bahnsteig verlassen solle, und in 15 Minuten wiederkommen (dann ist mein Zug natürlich weg), ansonsten würde er mir einen Platzverweis erteilen. In dem Moment kommt mein Zug, der tatsächlich pünktlich ist. Ich einige mich mit dem Herrn, dass ich dort jetzt einsteige, und dann aus dem Weg bin. Ohne Platzverweis.

Im Zug bin ich positiv überrascht von den bequemen Sitzen in meinem Abteil. Die Heizug ist allerdings voll aufgedreht, es sind bestimmt 25°C drinnen, eher mehr. Ich ziehe Mantel und Sakko aus, und setze mich auf meinen Platz. Die Dame, die mir gegenübersitzt grüßt sehr freundlich, und entschuldigt sich, dass sie sich so ausgebreitet habe. Auf dem Tischchen zwischen uns liegen ein paar Papiere und ihr Laptop. Die arme muss am Wochenende wohl arbeiten. Alles OK, ich habe eh‘ nicht vor hier das Notebook rauszuholen, ich habe Wochenende.

Kurz nachdem der Zug losgefahren ist, kommt der Schaffner. „Sie wissen, dass das hier die erste Klasse ist?“ murrt der mich an. Ich halte ihm wortlos mein Ticket hin. Er hält es unter sein Gerät und nickt nur, als er es mir zurück gibt. Es dauert bis Osnabrück bis die Dame mit den Getränken vorbeikommt. Bei der deutschen Bahn sind die nicht im Preis inbegriffen, und Tee gibt’s nicht. Für Tee muss man ins Bordbistro gehen, und den dort kaufen. Für €3,80. Ich glaub‘ ich spinne. Nochmal sehe ich die Dame während der restlichen Reise nicht. In Onsabrück hat der Zug bereits 10 min. Verspätung. „Wegen Bauarbeiten“ heißt es.

Mit 20 Minuten Verspätung komme ich in Dortmund an. Weiter geht es mit dem RegionalExpress nach Schwerte. Doch der ist voller BVB-Fans, auch hier ist heute Fußball. Obwohl ich eine Platzkarte habe, werde ich in überfüllten Zug nicht mehr reingelassen. Zum Glück hat die Freundin, mit der ich mich treffe, mich in Dortmund abgeholt. Sie hat ein Nahverkehrsticket, mit dem sie mich am Wochenende mitnehmen kann, Mein Ticket hat nämlich Zugbindung, und ist, weil wir in den geplanten Zug nicht hineingelassen wurden, verfallen. Die Auskunft die ich online dazu bekomme, ist allerdings, wie ich später erfahre, falsch. Die Zugbindung gilt, laut dem kleingedruckten auf dem Ticket, nur für den InterCity, nicht für den Nahverkehrsanschluß. Den muss ich nur am selben Tag nutzen. In der Bestätigungs-EMail der Ticketbstellung steht was anderes.Um das zu verstehen braucht man aber wohl einen Abschluss in Vertragsrecht. Und eine Lupe.

Kundenfreundlich ist anders.

Aus dem Bahnhof kommt man, auch wegen Fußball, nicht so leicht raus. Aber die Beamten in Dortmund sind sehr viel entspannter als die in Bremen, und weisen uns sogar den Weg. Der nächste Anschlusszug geht erst in einer Stunde, wir kommen also mit einer Stunde und 20 Minuten Verspätung an unserem Ziel an.

Heute ging es dann zurück. Diesmal nicht über Dortmund, sondern über Münster. Mit einem Regionalzug. Der wird allerdings nicht von der Deutschen Bahn betrieben, sondern von der britischen National Express. Da ist dann auch alles so, wie ich es im Vereinigten Königreich erlebt habe: Der Zug ist pünktlich, angenehm klimatisiert, und trotzdem viele Leute mit wollen, lang genug, dass jeder bequem einen Sitzplatz findet.

Ich habe bewusst einen Zug früher genommen als die Fahrplanauskunft vorgeschlagen hat, weil ich ja nicht wissen konnte, dass der pünktlich ist, und acht Minuten Umsteigezeit mir als Risiko erschienen. Eine gute Entscheidung, wie sich in Münster herausstellt, per Durchsage erfahre ich, dass der eigentlich geplante Zug nicht fährt. „Personen auf dem Gleis. Der Zug muss heute leider ausfallen.“

Der IC dagegen hat gleich schon wieder 5 Minuten Verspätung. Angeblich sind es schon wieder „Personen auf dem Gleis“. So oft, wie die Bahn das behauptet, müsste es auf den Gleisanlagen zugehen wie weiland in Woodstock.

Der Zug ist auch enttäuschend. Die Wagen sind dieselben, wie ich sie noch aus meiner Kindheit kenne. Mit den handbetriebenen Türen und den metallenen Trittstufen. Wie da ein gehbehinderter Mensch reinkommen soll, weiß ich nicht. Ich dachte wir wären da weiter. Die Abteile sind auch nicht besser. In meinem Abteil der ersten Klasse sind die Vorhänge zerrissen, und die Sitzpolster so durchgesessen, dass man die Füllung sehen kann. Auf meinem reservierten Platz sitzt jemand. Aufstehen will er nicht. Ich habe keine Lust auf Diskussionen, und setze mich auf dem Platz gegenüber, der zum Glück frei ist. Die Klimaanlage im Abteil ist kaputt. Auch hier ist es viel zu warm, und es zieht ganz höllisch. Außer bei der Fahrkartenkontrolle, die erst kurz vor Osnabrück stattfindet, sehe ich während der ganzen Fahrt kein Personal. Ich glaube, die Dame die in breiter Hamburger Schnauze nach meinem Ticket fragt, ist ganz allein im gesamten Zug.

Immerhin baut der Zug nicht noch mehr Verspätung auf, und mit nur fünf Minuten Verspätung bin ich in Bremen. Dort ist allerdings der Teufel los. Es ist der letzte Freimarktsabend, und trotz es Bremer „Schietwetters“ sind die Menschenmassen noch unterwegs. Außerdem ist alles voller Polizei. Normale Polizei, aber auch ein paar Bundespolizisten mit umgehängten Sturmgewehren. Als ob die damit irgendwas ausrichten können, wenn ein Selbstmordattentäter sich sprengen wollte. Also außer einem Blutbad jetzt. Die Polizei kontrolliert stichprobenartig die Ausweispapiere der Reisenden und Freimarktsbesucher. Dadurch bildet sich ein Riesenstau in der Bahnhofshalle, und es ist so gedrängt, dass ich keine Luft mehr bekomme. An mein Asthmaspray komme ich auch nicht. Und natürlich werde ich rausgewunken. Ausweiskontrolle. Ich bin verärgert, und sage dem Polizisten, dass ich mir langsam vorkomme wie in der DDR. Der meint nur „Frag’n ’se mich mal, hab ich Bock hier am Sonntag abend so’n sinnloses Zeug abzuziehen?“

Endlich draußen, nehme ich mein Asthmaspray und gehe zur Bahn. Beim Carsharing ein Auto zu leihen hätte etwa dasselbe gekostet, und wäre, glaube ich, entspannter gewesen.

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