Replik auf einen offenen Brief

Sehr geehrte Tatort-Autoren,

Ich habe lange überlegt, ob ich auf ihren polemischen offenen Brief überhaupt antworten soll (das meine Überlegungen gelesen werden, davon gehe ich im Moment auch nicht aus, Sie werden sicher gerade mit Post überschwemmt).

Mich hat Ihr Schreiben, bei allem Verständnis für Ihre Sorgen, zunächst mal verärgert. Ich frage mich selber, warum ich mich von Ihrem Text, und vergleichbaren Texten so angegriffen fühle. Auf den ersten Blick brauche ich mir den Schuh gar nicht anzuziehen, ich lade keine Filme oder Musik bei Rapidshare herunter, sondern bei Amazon.de, und lese Bücher auf gedrucktem Papier. Ich bezahle sogar ganz brav meine Rundfunkgebühren, obwohl ich eigentlich gar kein Fernsehen schaue. Trotzdem fühle ich mich von Ihrem Schreiben angesprochen.

Das liegt, bei nährem hinsehen daran, wie diese Debatte geführt wird: Ihr Schreiben ist ersteinmal ein Rundumschlag gegen alle und jeden, die nicht derselben Meinung sind wie Sie. Sie werfen der „Netzgemeinde“ undifferenzierte Ansichten vor, und differenzieren doch selber nicht. Dass es innerhalb dieser „Netzgemeinde“, die wesentlich heterogener ist, als Sie es zu glauben scheinen, verschiedene Positonen gibt kommt Ihnen offenbar nicht in den Sinn. Im Gegenteil: Sie setzen die berechtigte Frage zu stellen, ob das aktuelle Urheber und Verwertungsrecht derzeit nicht versagt gleich mit der Forderung „die Urheber zu enteignen“.  (Nebenbei bemerkt, die Überlegung, die Schutzfristen auf die Lebenszeit des Urhebers zu begrenzen als „Enteignung der Urheber“ zu bezeichnen, geht haarscharf am Kern der Sache vorbei: Ich wüßte nicht, dass man in diesem Land einen Toten enteignen könnte., allenfalls seine Erben).

Statt zu differenzieren, weitern Sie ihre Vorwürfe, und das ist der Punkt an dem ich mich betroffen fühle, heimlich aus. Was zunächst ein Vorwurf an diejenigen ist, die sich illegal im Netz Filme und Musik beschaffen wird zur „Umsonstmentalität“, die unterschiedslos alles einschließt, von den tatsächlich illegalen Downloads über die von Ihnen verächtlich als „amateurhaft“ gegeißelte Wikipedia bis zur Open Source und Creative Commons Szene, die Sie wohl unausgesprochen als Verursacher dieser bösen „Umsontmentalität“ sehen.

Angesichts der vielen Aufklärungs- und Informationsarbeit, die freie Projekte betreiben, fällt es mit schwer zu glauben, dass Sie von dieser Szene und Ihren Motiven noch nie etwas gehört hätten. In dieser Szene geht es darum, den „User“ als Subjekt zu begreifen, das selber aktiv wird, und allen Menschen eine Teilhabe ermöglicht. Das schließt weder aus, damit Geld zu verdienen, noch will es in direkter Konkurrenz zu Ihren Geschäftsmodellen stehen.

Als aktives Mitglied dieser Szene (ich bin selber Autor von Software, sowohl proprietärer als auch freier), liegt es mir fern Ihnen den Broterwerb wegzunehemen, ich fühle mich aber persönlich angegriffen wenn Sie mir vorwerfen ein Erfüllungsgehilfe krimineller Banden zu sein, nur weil ich einen Algorithmus programmiere, der in der Lage ist Dateien auf einer Festplatte zu finden.

Ich würde es daher sehr Begrüssen, wenn Sie Ihr Angebot einer sachlichen Debatte ernst meinten, und in einen Dialog mit „der Netzgemeinde“ eintreten könnten. Möglicherweise wäre es für alle Seiten von Vorteil, wenn sich die Experten der Unterhaltungsbranche (also Sie) mit denjenigen an einen Tisch setzen würden, die die Mechanismen des Netzes am besten verstehen. Dazu müssen wir aber zunächst mal aufhören uns gegenseitig zu beleidigen.

Ich verbleibe

hochachtungsvoll. Ihr

Alexander Noack

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