Elektronischer Nachzehrer

Der Bremer Weser-Report, das nach eigenen Angaben auflagenstärkste Anzeigenblatt in Bremen, hat im redaktionellen Teil in der heutigen Aufgabe mit einem Bericht über ein Kunstprojekt aufgemacht, für das der Bremer Kunststudent Dennis Siegel den Kunstpreis der Hochschule für Künste in Bremen bekommen hat.

Das Projekt heißt Electromagnetic Harvester, und es handelt sich dabei um ein Gerät, dass elektromagnetische Strahlung auffängt, und die Energie verwendet um einen Akku aufzuladen. Lauf Webseite will Siegel damit auf die allgegenwart elektrischer Systeme in unserer Gesellschaft hinweisen, und deren Bedeutung herausstellen. Für ein Kunstprojekt ist die wachsensde Technisierung unserer Welt und der Umgang damit, ein dankbares Thema.

Beim Weser-Report liest sich das aber ganz anders:

Während die Alchimisten des Mittelalters daran scheiterten, Dreck in Gold zu verwandeln, ist einem Bremer jetzt ein nicht minder spektakuläres Kunststück gelungen.: Er kann Akkus mit „Luft“ aufladen.

So heißt es im Anreißer zum Artikel. Desweitern ist davon die Rede, Siegel habe ein neuartiges Gerät erfunden, mit dem die Energie „ernten“ könne. Daran ist so ziemlich alles falsch. So interessant Siegels Projekt als künstlerische Auseinandersetzung mit unserer elektrifizierten Welt ist, so wenig spektakulär ist sein Gerät. Jeder einfache Radioempfänger funktioniert nach diesem Prinzip. Der im Artikel dargestellte Zusammenhang zwischen elektromagnetischen Wellen und Stromfluß ist bekannt, seit James Clerk Maxwell 1855 seine Theorie über den Zusammenhang zwischen Elektrizität und Magnetismus präsentierte.

Der ganze Artikel erweckt den Eindruck Dennis Siegel habe hier ein neuartige Technik entwickelt, mit der man quasi Energie aus dem Nichts schaffen könnte; entsprechend heißt der Beitrag dann auch Energie aus dem „Nichts“. Nun sollte jedem der in der Mittelstufe im Physikunterricht nicht nur Käsekästchen gespielt hat, geläufig sein, dass man Energie nicht erschaffen oder vernichten kann. Man kann sie nur von einer Form in die andere umwandeln. Dieses erste Gesetz der Thermodynamik ist einer der Pfeiler der Physik und ein unumstößliches Naturgesetz. Umgekehrt bedeutet das natürlich, dass die Energie, die Siegels Gerät da auffängt irgendwo herkommen muss. Im Falle des Beispiels aus dem Artikel. aus dem Akku des -möglicherweise nichtsahnenden- Handynutzers. Im besten Fall sorgt die Energieabsaugung nur dafür, dass der Akku schneller leer ist, im ungünstigsten Fall reicht die übriggebliebene Sendeleistung des Handies nicht mehr um mit der Basisstation zu kommunizieren: Die Telefonverbindung bricht ab.

So wird aus dem vermeintlichen Stein der Weisen ein elektronischer Nachzehrer, der dem Handy in der Nachbarschaft aus der Distanz die Lebensenergie absaugt. Die wundersame Energieproduktion aus der „Luft“ wird profaner Diebstahl, wenn sie denn zur ernsthaften Energiegewinnung eingesetzt würde.

Ich vermute hier mal, dass  Dennis Siegel hier nicht ganz unabsichtlich mit den Grenzen des Erlaubten spielt. Würde er seine „Erfindung“ zur privaten Energiegewinnung einsetzen, würde er sich strafbar machen.

Leider fehlt in dem Artikel dieser Aspekt ebenso, wie eine Betrachtung der Absichten des Künstlers, über die der Leser sicher gern mehr Erfahren würde.

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