Rassismus „Rassismus“ nennen, und trotzdem weiterdenken

Achtung: Dieser Beitrag enthält Beispiele für rassistische Sprache und Schilderungen körperlicher Übergriffe!

 

Ich bin in der vergeangenen Woche über einen Beitrag von Anatol Stefanowitsch im Sprachlog gestolpert, der mich etwas nachdenklich gemacht hat. Die Süddeutsche Zeitung hatte über einen Fall berichtet, bei dem vier Marinesoldaten einen Vorgesetzen aus seiner Koje geholt haben, ihn mit Klebeband und Spanngurten an einen Tisch gefesselt, und dem Mann, der Deutscher ist, aber Thailändische Vorfahren hat, unter anderem den Spruch „Hier wohnen die Mongos“ auf den Körper gemalt hatten.

Anatol Stefanowitsch entdeckt in der Berichterstattung Strategien nach denen das rassistische Motiv der Tat heruntergespielt werde. Er schreibt dazu:

Wenn vier weiße deutsche Marinesoldaten einen ebenfalls deutschen Vorgesetzten mit thailändischen Vorfahren aus seiner Koje zerren, ihn mit Klebeband und Spanngurten an einem Tisch festkleben und –binden, und ihm die Worte „Hier wohnen die Mongos“ auf den Körper malen, dann ist das eine rassistische Tat. Und das Motiv für eine rassistische Tat ist selbstverständlich Rassismus. Das sollte so selbstverständlich sein, dass sich jede Spekulation und jede Ausflucht erübrigt.

Mit Verlaub, dass sehe ich etwas anders. Um es vorwegzunehmen: Natürlich ist diese Tat rassistisch. Und natürlich spielt Rassismus eine Rolle. Wenn es aber darum  geht, das Verbrechen aufzuklären, und im Rahmen der Berichterstattung aufzuarbeiten, ist es eben nicht selbstverständlich, dass das Motiv für die Tat Rassismus war. Aus den Presseberichten kann man über den Verlauf der Tat nicht viel erfahren. Noch weniger über das was davor geschehen ist. Vielleicht handelte es sich ja um einen Racheakt gegenüber dem Bootsmann, der immerhin ein Vorgesetzter war. In diesem Fall ist die Tat eben tatsächlich nicht aus einem rassistischen Motiv geschehen; vielmehr hätten sich die Täter dann rassistischer Handlungsweisen bedient, weil sie wußten, dass dies ihr Opfer am meisten treffen würde.

Nochmal: Das ist keine Rechtfertigung für die Tat, die Schändlichkeit rassistischen Handelns ändert sich nicht aufgrund des Motivs der Täter. Trotzdem, nimmt man nun an, das Motiv für die Tat ist eben Rassismus, macht man es sich zu leicht, und verhindert ggf. eine Aufarbeitung, weil die Ursachen, die zu der rassistischen Tat geführt haben nicht beachtet werden.

Das ist in etwa so, als würde man die Untaten von Anders Breivik erklären mit „Der ist eben böse!“ Das mag zwar zufriedenstellend sein, erklärt aber gar nichts. Für die Aufarbeitung der Tat ist es meiner Meinung nach sehr wichtig, die genauen Motive der Täter zu kennen. Sofort zu rufen: „Das ist allein der Rassismus!“ ist dabei eben so wenig hilfreich, wie die reflexhaften Versuche des Militärs solche Vorfälle als „Bedauerliche Einzelfälle“ darzustellen. Wenn wir wissen wollen, wie es um den Rassismus in den Institutionen bestellt ist, müssen wir tiefer bohren.

Rassismus muss man beim Namen nennen wo immer er auftaucht. Aber danach muss man auch weiterbohren, um herauszufinden was Menschen antreibt, die rassistisch Denken und handeln. Und das ist manchmal sehr unangenehm. Gemacht werden muss es trotzdem.

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