Im Neuland

Das Internet ist für uns alle Neuland

Diesen denkwürdigen Satz hat Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern beim Staatsbesuch von US-Präsident Barak Obama gesagt.

Zwanzig Jahre nach Helmut Kohls Feststellung Datenautobahnen seien Ländersache, bleibst festzustellen, dass die Bundesregierung immer noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen ist, und es am Willen mangelt, sich mit netzpolitischen Themen auseinanderzusetzen.

Die Reaktion im Netz kam prompt, und erwartbar: Unter dem Hashtag #Neuland werden jede Menge mehr oder minder lustige Sprüche über Merkel ausgetauscht. Hohn uns Spott seitens der Netzgemeinde werden laut.

Ebenso erwartbar ist die Reaktion der Mainstreammedien: In der  Süddeutschen findet Johannes Kuhn, dass Merkel recht hat, und die Netznutzer, egal, ob sie sich nur lustig machen, oder versuchen einen substantiellen Debattenbeitrag zu lassen, allesamt besserwisserische Spießer sind, die sich nur selbst darstellen wollen.

Als Beleg dafür, dass das Internet für die große Mehrheit der Bürger tatsächlich Neuland ist, zitiert die Süddeutsche die Online-Studie (PDF) von ARD und ZDF.  Dort heißt es, unter anderem, nur 15 Prozent der Deutschen würden mehr als einmal pro Woche Apps benutzen (Tabelle 3). Kuhn stellt diese Zahlen etwas aus dem Zusammenhang gerissen dar. Das beginnt schon damit, wie die Studie „App-Nutzung definiert:

962 Millionen Mal wurden allein in Deutschland im letzten Jahr
Apps heruntergeladen, eine Steigerung um 249
Prozent im Vergleich zum Vorjahr. (14)
Jeder vierte deutsche Onliner nutzt inzwischen
solche Apps (24 %) (vgl. Tabelle 8). Im Vorjahr
waren es noch 17 Prozent. Unter den App-Nutzern
sind Männer und unter 30-Jährige überproportional
vertreten. Diejenigen, die Apps auf ihr Smartphone
oder ihren Tablet-PC laden (und für zweckmäßig
befinden – viele Apps werden nur testweise
geladen und dann wieder gelöscht), nutzen diese
auch – 40 Prozent sogar (mehrmals) täglich. Weitere
13 Prozent greifen mindestens einmal wöchentlich
auf Apps zu.

Tatsächlich greift also die große Mehrheit der Nutzer (40%) mehrmals täglich auf Apps auf dem Smartphone zurück. Die 15% aus Tabelle 3 beschreiben den Anteil der „App-Nzuter“ an den Gesamtnutzern (also allen, die irgendwie Zugang zum Internet haben). Und bei weitem noch nicht jeder Bürger hat ein Smartphone oder Tablet mit mobilem Netzzugang.

Hinzu kommt, wie die Studie „App-Nutzung“ definiert. Als Apps werden hier nämlich nur diejenigen Programme betrachtet, die der User aktiv heruntergeladen und auf seinem Smartphone installiert hat. Die Nutzung der bereits vorinstallierten Programme ist in der Studie unter Smartphone-Nutzung subsumiert.

Wer also „herumsurft und E-Mail nutzt“, wie Kuhn formuliert, ist nicht in diesen 15% erfasst, auch wenn er das mobil tut.

Letztlich spielt es aber keine Rolle, was die Menschen mit ihrem Internetanschluss tun, oder ist die Nutzung weniger „wertvoll“, nur weil jemand vor allem E-Mails verschickt?

Das PRISM-Programm erfasst ja eben gerade diejenigen Benutzer besonders stark, die  -mangels Fachkenntnissen- auf die Dienste großer Anbieter wie Google und Microsoft zurückgreifen. Dass diese Benutzer von Überwachung und Manipulation stärker betroffen sind, als die „internetaffinen Vielnutzer“, die eben wissen, wie man verschlüsselt, und sich vielleicht sogar eigene Server für die bevorzugten Dienste einrichten können, leuchtet ein.

Aber gerade deswegen ist es unentschuldbar, dass die deutsche Politik es zwanzig Jahre lang geschafft hat, diese Entwicklung zu verschlafen. Und dass wir eine Kanzlerin haben, die es schafft im Angesicht des größten staatlichen Lauschangriffs der Geschichte auch noch mit dieser Unwissenheit zu kokettieren.

Gerade weil viele Bürger noch dabei sind, sich in der vernetzten Welt zu orientieren, muss die Politik hier tätig werden. Auch die sog. Netzgemeinde ist hier gefordert, blöde Sprüche auf Twitter machen reicht in der Tat nicht, da hat Johannes Kuhn recht.

Allerdings setzt das voraus, dass man diejenigen, die sich mit der Netztechnologie, und ihrer sozialen Wirkung, auskennen auch im Rest der Gesellschaft beginnt ernstzunehmen. Meine Erfahrung mit wenig netzaffinien Mitbürgern ist nämlich die, dass man die Technik zwar nutzen möchte, sich aber nicht damit beschäftigen will. Die Nerds und Geeks sind die nützlichen Idioten, die quasi moralisch verpflichtet sind, dem Rest der Welt ihr Windows zu reparieren.

Und solange das so ist, wird sich auch weiter Hohn und Spott über die DAUs ergießen.

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