Das Ende von allem, oder so

Über die diesjährige Preisverleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Jaron Lanier ist ja schon viel geschrieben worden. Auch über die etwas merkwürdige Laudatio von Martin Schulz.

Am Sonntag hat dann der Redakteur Michael Hanfeld einen Kommentar zu Lanier’s Würdigung verfasst, der irgendwo zwischen „die sind alle so gemein“ und „früher war aber mehr Lametta“ pendelt, und schon ob seines salbungsvollen Predigttons schwer zu verdauen ist.

Muriel hat einen sehr treffenden Blogbeitrag dazu  veröffentlicht, den zu lesen ich euch sehr ans Herz lege.

Für ein einfaches „Me Too!„-Posting bräuchte es natürlich keinen eigenen Blogeintrag, aber ich möchte dem Beitrag von Muriel ein paar eigene Gedanken hinzufügen:

Hanfeld schreibt:

Geistige Arbeit, Patente, Kultur? Nichts mehr wert, sofort verfügbar, gratis. Zuerst traf es die Musiker, dann die Journalisten. Weitere Gewerbe werden folgen – und mit ihnen die Mittelschicht.

Das ist eine Analyse die man in den letzten Jahren in den Zeitungen wieder und wieder vorgekaut bekommt. Irgendwie ist das ja auch verständlich, bedeutet es doch, dass Redakteur einer Zeitung zu sein nicht mehr bedeutet einen sicheren Arbeitsplatz zu haben. Die Fehlannahme dahinter ist jedoch, dass Hanfeld offenbar glaubt, und damit bleibt er natürlich im Tenor dessen was Lanier vertritt, dass dies etwas neues sei, dass plötzlich durch die Digitalisierung aufgetaucht sei.

Tatsächlich ist das Problem aber so alt wie die Industriealiserung selbst. In ihrem Bestreben nach ewiger Produktivitätssteigerung werden immer mehr Arbeiten von immer weniger Menschen erledigt. Nur trifft es nun diejenigen Teile der  interlektuellen Elite, die sich bislang immun glaubte.

Konnte man in den achtziger Jahren noch von einer Art interlektuellen Elfenbeinturm aus darüber schreiben, wie Roboter die Menschen an den Bändern der Fabriken ersetzen, trifft eben jene Rationalisierung plötzlich einen selber.

Nun könnte man, im Angesicht dieser Entwicklung, ja beginnen sich Gedanken darüber zu machen, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der die wesentlichen Produktionsleistungen von Maschinen erbracht werden, und wie man den so generierten Wohlstand gerecht verteilen könnte.

Leider geht Hanfeld auf Laniers Kernthesen zu Open-Source und digitaler Allmende gar nicht, nicht mal wohlwollend, ein, obwohl diese eine kritische Betrachtung durchaus nötig hätten.  Die Unveränderbarkeit der herrschenden Verhältnisse, und damit die Nachteile die mit der Freiheit des Netzes einhergehen werden als alternativlos wahrgenommen.

Die Digitalisierung an sich ist demnach schlecht, weil sie Konzernen die Macht und Möglichkeit gibt sich über staatliches Handeln hinwegzusetzen, und den Menschen zum bloßen Objekt seines Handelns zu degradieren. Dass sich Staaten in den letzten Jahren zum Teil wesentlich schlimmer verhalten haben als die Konzerne, in dem sie die intimsten Geheimnisse praktisch aller Menschen ausspionieren, wird von Hanfeld dabei großzügig übersehen.

Am Ende seines Beitrags macht Hanfeld diese, geradezu apokalyptische anmutende, Weltsicht noch mal deutlich:

Es geht um das, wovon Lanier spricht: Um den Menschen, nicht als Summe seiner Daten und nicht als Diener der Maschinen, sondern als – Schöpfung.

Muriel sieht in diesem Satz den eigentlichen Kern von Hanfelds Zorn: Hanfeld will nicht vermessbar, verstehbar sein, er will mehr sein als ein Klumpen Materie, die zur Fähigkeit der Selbsterkenntnis gekommen ist. Wenn er von Schöpfung spricht, dann im religösen Sinne. Es ist also gar nicht so sehr der Kapitalismus des Silicon-Valley, der Hanfeld aufregt, sondern dass Weltbild für das er steht. Ein Weltbild in dem die Welt versteh- und erklärbar ist, in der wir Menschen aber keine besondere Stellung innehaben. Carl Sagan nannte dies einmal die Kränkung des menschlichen Egos durch die Wissenschaft.

Man könnte darüber lachen, aber leider verstellt diese Sichtweise, mit ihrem Focus auf eben jener Kränkung, den Blick auf die Diskussion die wir eigentlich führen müssten: Wie wollen wir in Zukunft leben, mit all unserer neuen, tollen Technik, und wie müssen wir unsere Gesellschaft ändern, damit die Vorteile dieser neuen Welt bei allen Menschen ankommen?