Wissenschaft vor Gericht

Von den deutschen Medien weitgehend unbeachtet, spielt sich in Italien derzeit ein Skandal ab, der in Zukunft große Auswirkungen auf die Freiheit der Wissenschaft haben könnte.

Am 6. April 2009 ereignete sich in der italienischen Region Abbruzzen ein verheerendes Erdbeben. Mit einer Stärke von 6,3 auf der Momenten-Magnitude (5,8 auf der Richterskala ) war es das heftigste Beben in der Region seit dem Beben von Assisi im Jahre 1997. Am heftigsten traf das Beben die Stadt L’Aquilia und die umgebenden Ortschaften. Das Hypozentrum des Bebens befand sich nur 5 Kilometer vom Zentrum L’Aquilas entfernt in etwa 8,8 Kilometer Tiefe.

309 Menschen starben in dem Beben, 670000 wurden Obdachlos und die historische Innenstadt L’Aquilia’s wurde fast vollständig zerstört. Die Bilder von Menschen, die in Zeltstädten untergebracht werden mussten, gingen um die Welt.

Nun stehen die sieben Angehörigen eines Expertengremiums vor Gericht, die kurz vor dem Erdbeben die Bevölkerung aufklären sollten. Vorgeworfen wird Ihnen fahrlässige Tötung in 309 Fällen, und fahrlässige Körperverletzung in mehren tausend Fällen. In Italien ist bei Erdbeben die Kommision für große Gefahren zuständig. Hier tagen die Wissenschaftler nicht unter Ihresgleichen, die Kommision besteht aus Wissenschaftlern, den Leitern der jeweiligen Exekutivorgane des Katastrophenschutzes lokalen Politikern und Bürgern.

Im Vorfeld des großen Bebens hatte es eine Serie leichterer Beben gegeben, die von Wissenschaftlern als Vorboten eines größeren, eventuell verheerenden Bebens gesehen wurden. Die Kommision hatte darüber zu entscheiden, ob die Stadt vorsorglich evakuiert werden sollte oder nicht. Nicht zuletzt wegen des gigantischen logistischen Aufwands eine 70000-Seelen-Gemeinde zu evakuieren, noch da zu in den unwegsamen Abbruzzen, entschied man sich gegen die Evakuierung.

Die in der Kommission vertretenen Geologen hatten zuvor ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es praktisch unmöglich ist, Erdbeben vorauszusagen. Der Leiter der Kommision, Bernardo De Bernardinis, hatte den Bürgern in einer Pressekonferenz empfohlen, Ruhe zu bewahren, und „bei einem guten Glas Rotwein in den Häusern zu verweilen“.  Die, von De Bernadinis ebenfalls gegebenen Tipps, wie man sich am besten auf ein Beben vorbereitet, und was man tut, wenn es kommt, wurden -anders als diese Aussage- von den Medien nicht verbreitet.

Im wesentlichen dreht es sich bei dem Prozess also um die Frage, wer für die Entscheidung verantwortlich ist, die Region nicht zu evakuieren.

Um zu verstehen, wie lächerlich das ist, muss man sich vergegenwärtigen, wie komplex die geologische Konfiguration in und um Italien ist. Mit etwa einem Zentimeter pro Jahr schiebt sich die afrikanische Kontinentalplatte nordwärts. Dabei drückt sie den Boden des Mittelmeers unter das italienische Festland. Italien liegt auf der apulischen Platte, die ein System aus Mikroplatten am Südrand der eurasischen Kontinentalplatte bildet. Die apulische Platte besteht selbst wieder aus mehreren Einzelplatten, deren nördlichste, die adriatische Platte, die Norditalien und Teile der Adria umfasst, im Norden der italienischen Halbinsel die Alpen auffaltet. Südlich wird das ganze durch die Subduktionszone begrenzt, in der der Mittelmeerboden unter aplulische Platte absinkt. Aus dieser Zone bildet sich das Apennin-Gebirge.  Von hier werden Teile Italiens in Richtung Balkan gedrückt. Im Apennin-Gebirge bauen sich daher in den Gesteinen regelmäßig sehr große Spannungen auf, die sich in Erdbeben entladen. Das Problem: Wo und wie sich die Spannungen entladen, ist im wesentlichen Zufall. So kann es sein, dass es zu einer Serie kleiner, vergleichsweise harmloser Beben kommt, oder zu einem Großen. Kleine Beben können auch die geologische Lage so verändern, dass sich neue Spannungspunkte bilden, und daher ganz woanders ein Beben erst ausgelöst wird. Da Gestein sehr stabil ist, kann so eine Spannung auch mal Jahrhunderte oder Jahrtausende aufgebaut sein, bevor etwas passiert.

Vor diesem Hintergrund haben die warnenden Wissenschaftler die Wahl zwischen dem Teufel und dem Beelzebub: Evakuieren sie die Stadt, ohne das erstmal etwas passiert, werden sie sich fragen lassen müssen, wozu das Ganze. Ausserdem ist hier der Cry Wolf Effekt zu befürchten: Zu viele falsche Warnungen führen dazu, dass diese nicht mehr ernst genommen werden. Im Ernstfall kümmert sich dann niemand.

Es bleibt die Erkenntnis, dass sich Erdbeben derzeit nicht voraussagen lassen. In L’Aquilia erleben wir meines Erachtens einen Auswuchs unserer Sicherheitsgesellschaft, die für alles eine präzise Vorhersage will, und immer jemanden der am Ende die Schuld hat. Man könnte stattdessen auch Opfergaben in den Vesuv werfen, und dabei zu irgendwelchen Göttern beten, der Effekt wäre ähnlich.

Eine Verurteilung hätte, neben den verhängnisvollen Folgen für die beteiligten Wissenschaftler, weitreichende Folgen für die Geologie: Unter der Drohung strafrechtlich für Vulkanausbrüche und Erdbeben zur Verantwortung gezogen zu werden, wird sich kaum noch ein Wissenschaftler finden, der den Bereich der Erdbebenvorhersage erforschen will. Eine tatsächlich funktionierende Erbebenvorhersage rückt damit in noch weitere Ferne.